Die Freiheit, die wir meinen: zur Wissenschaftsfreiheit – ein Kommentar von Florian Meinel

Die Freiheit, die wir meinen: zur Wissenschaftsfreiheit – ein Kommentar von Florian Meinel

Ist die Freiheit der Wissenschaft allgemein geachtet, wird sie nur allzu rasch zur kleinen Münze innerakademischer Kämpfe. Bald sehen die Professorinnen und Professoren ihre Wissenschaftsfreiheit durch Studierendenproteste bedroht, bald der Nachwuchs durch Vorrechte der Ordinarien, bald beide durch Drittelmittelzwang, Hochschulreformen, peer review oder open access. Hier wähnt sich die Freiheit des eigenen Forschens unter einem hegemonialen Diktat einer neoliberalen Orthodoxie, dort unter einem angeblichen Pflichtkonsens in Sachen Gender. Ja, die Hölle, der Mainstream, das sind immer die anderen.
All diese Debatten sind notwendig und für die Zukunft des Wissenschaftssystems von großer Bedeutung. Allein: Sie setzen die grundsätzliche Gewährleistung freier Forschung und Lehre immer schon voraus. Wo die Freiheit und das Recht der Wissenschaft wieder offen in Frage gestellt werden, bietet es sich an, von der Wissenschaftsfreiheit zunächst einmal das zu unterscheiden, was sie nicht bedeutet: Die Freiheit der Wissenschaft entbindet in einer Demokratie nicht von der Verpflichtung, um öffentliche Mittel zu werben.

"Ohne innerwissenschaftliche Verfahren der Sicherung von Standards und der Sanktionierung von Fehlleistungen, kurz: ohne die dauernde Auseinandersetzung darum, was gute Wissenschaft ist, ist es mit der Freiheit rasch dahin."

Wissenschaftsfreiheit ist kein Recht auf auskömmliche Finanzierung des Status quo. Ja, man wäre sehr gerne dem öffentlich zu Unrecht verfemten Kollegen X oder der Kollegin Y laut beigesprungen, nur laufe eben jetzt gerade dieser Großantrag, und da sei es gefährlich, umstrittene … Wirklich? Nein, überhaupt nicht sehr gefährlich. – Ebenso wenig ist die Wissenschaftsfreiheit eine individuelle Freiheit von der institutionalisierten Selbstkontrolle der Wissenschaft, keine Freiheit von den Regeln guter wissenschaftlicher Praxis, keine Freiheit zur tendenziösen Interpretation von Daten und keine Freiheit von kollegialer Kritik. Im Gegenteil: Ohne innerwissenschaftliche Verfahren der Sicherung von Standards und der Sanktionierung von Fehlleistungen, kurz: ohne die dauernde Auseinandersetzung darum, was gute Wissenschaft ist, ist es mit der Freiheit rasch dahin. Und schließlich entbindet, wie Artikel 5 des Grundgesetzes es formuliert, die Freiheit der wissenschaftlichen Lehre nicht von der Treue zur Verfassung.

"Wer eine unpolitische, quietistische Wissenschaft will, will eine unfreie Wissenschaft"

Die wissenschaftliche Freiheit ist aber sehr wohl die Freiheit zur Wahl der Forschungsthemen und Forschungsmethoden, die Freiheit zur Wahl von Art und Form der Publikation von Ergebnissen, die Freiheit zur Zusammenarbeit mit anderen Kolleginnen und Kollegen ohne Rücksicht auf Herkunft, Religion und politische Meinung. Und Freiheit der Wissenschaft ist erst recht die Freiheit, nicht aufgrund der politischen Konsequenzen wissenschaftlicher Auffassungen verfolgt, denunziert oder entlassen zu werden. Wer eine unpolitische, quietistische Wissenschaft will, will eine unfreie Wissenschaft.
Was das bedeutet, ist aber nur dort ganz klar, wo die Freiheit offenkundig verletzt wird wie in Ungarn und in der Türkei. Je weiter man sich von diesen Brennpunkten entfernt, desto größer wird die Ambivalenz: Machen akademische Protestnoten aus dem sicheren Westeuropa alles nur noch schlimmer? Was hilft den betroffenen Kolleginnen und Kollegen eigentlich wirklich? Ambivalent ist aber die Haltung zur demokratischen Politik: Gewiss, unpolitisch ist der oder die politisch Gleichgültige. Aber wie unpolitisch sind eigentlich die, die behaupten, die Wissenschaft liefere der Gesellschaft die sogenannten Fakten, an die sich die Politik dann irgendwie zu halten habe? Wer auf die Straße geht und schreit, die Leute sollten doch wieder an den Klimawandel glauben, ist sich mit denen, die den Klimawandel für einen Fake halten, in der Sicht der“ Wissenschaft ja schon beängstigend einig: ein autoritärer Positivismus, zu dem man sich nur noch gehorsam oder rebellisch verhalten kann.
Die Auseinandersetzung mit den Feindinnen und Feinden freier Forschung wird deswegen umso erfolgreicher geführt werden, je mehr sie nicht nur das Recht der Wissenschaft nach außen engagiert verteidigt, sondern zugleich überzeugend zeigt, welchen Gebrauch die Wissenschaft von ihrer Freiheit macht. Die eingängigste verantwortungsethische Formulierung dieser individuellen Vorsichtsregulative für die Verteidigung der Freiheit stammt von der amerikanischen Rechtsanwältin und Bürgerrechtlerin Michelle Obama: When they go low, we go high. 
Der Rechtswissenschaftler Florian Meinel, Mitglied der Jungen Akademie seit 2014, forscht als Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Humboldt-Universität zu Berlin.

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