Wir sollten wehrhafter denken – Silja Klepp

Wir sollten wehrhafter denken – Silja Klepp

Die Ethnologin Silja Klepp sieht sich als scholar activist und hat die Erfahrung gemacht, dass eine klare Positionierung der Karriere nicht schaden muss

Wie frei ist unsere Wissenschaft?

Wir haben zwar sehr große Freiheiten, aber man darf trotzdem nicht übersehen, dass Wissenschaft gesellschaftlich situiert und abhängig ist. Es existieren kulturelle Grenzen, wie wir Wissenschaft denken, was anerkannt ist und wie sie sich historisch herausgebildet hat. Anders formuliert: Wir haben die Brille unserer Gesellschaft auf. Erst seit wenigen Jahrzehnten befassen sich die Science and Technology Studies mit der gesellschaftlichen Verortung und den Auswirkungen von Wissenschaft. Ferner gibt es politische Konstellationen an den Universitäten und in der Hochschulpolitik, die uns viel­leicht manchmal daran hindern, bestimmte Forschungsfragen zu verfolgen. Und man sollte auch nicht vergessen, dass wir momentan eine gute Wirtschaftslage haben, wodurch mehr Ressourcen für Forschung bereitgestellt werden können.

Sie haben unter anderem in Libyen zum Thema Migration geforscht. Wie schnell sind Sie dort an die Grenzen der Wissenschaftsfreiheit gestoßen?

Mir war schon vorher klar, dass ich in Libyen nur dann Forschung betreiben kann, wenn ich mich genau informiere, nicht zu viel will und kleine Schritte mache. Zugleich gab es jedoch den Druck, ausreichend Daten einsammeln zu müssen, um eine Doktorarbeit schreiben zu können. Vor Ort musste ich ständig an die Sicherheit meiner Informanten bedenken, was einen natürlich einschränkt. Ich konnte nicht mit allen reden, mit denen ich gerne gesprochen hätte. Undenkbar war es etwa, Vertreter der Regierung Gaddafis zu treffen. Auch bei Gesprächen mit Sicherheitskräften wurden nie alle Fragen beantwortet. Oft erhielt ich keinen Zugang zu Haftzentren. Statt offizieller Interviews blieb mir nur teilnehmende Beobachtung. Es gab also zahlreiche Restriktionen, die meine wissenschaftliche Freiheit begrenzten, was man aber thematisieren sollte. Trotzdem habe ich viel mehr herausgefunden, als ich jemals gedacht hätte. Auch weil ich die Forschungen in Libyen als emotional belastend empfand, bin ich mittlerweile in anderen Forschungsfeldern unterwegs.

Sie arbeiten jetzt eng mit Naturwissenschaftlern zum Thema Klimawandel zusammen…

… ein Feld, das regelmäßig durch Lobbyisten unter Druck gerät. Mit seriöser Hinterfragung haben deren Einwände wenig zu tun. Meiner Einschätzung nach ist die Klimaforschung dabei zu oft in die immer gleiche Falle getappt und hat sich darauf beschränkt, immer genauere Zahlen zu liefern, die aber keine grundlegend neuen Erkenntnisse mehr brachten. Wenn man von der Freiheit der Wissenschaft spricht, sollte man auch die Freiheit der Kommunikation thematisieren. Anders gesagt: Wir sollten zuweilen die Fachjournale verlassen und andere Kommunikationswege wählen.

Sollte man angesichts solcher Angriffe von Lobbygruppen den Begriff der Wissenschaftsfreiheit anders auslegen? Schließlich geht es in solchen Fällen nicht mehr nur um einen Schutz vor staatlichen Eingriffen, sondern auch vor Übergriffigkeiten durch Gesellschaft und Wirtschaft.

Man muss den Begriff wehrhafter denken. Wir Wissenschaftler sollten uns gegen Angriffe wehren, die sich gegen die gesellschaftliche Grundordnung richten. Schon seit meiner Zeit im Bereich des politisch hoch emotionalen Forschungsfeldes „Flucht und Migration“ sehe ich mich als scholar activist. Ich halte die Grundlagen guter Wissenschaft natürlich ein, das bedeutet auch, meine menschenrechtlichen und aktivistischen Standpunkte transparent zu machen. Wenn ich zum Beispiel für Pro Asyl einen Text verfasse, mache ich das offen und schreibe übrigens auch in einem anderen Stil.

Wie wird man denn eine scholar activist?

Das ist erstmal eine Einstellung, denke ich. Außerdem habe ich mich organisiert. Es begann 2008 mit einem Treffen in München. Wir waren rund dreißig Personen und haben das Netzwerk kritische Migrations­ und Grenzregimeforschung gegründet: Kritnet. Mittlerweile sind wir eine Vereinigung von über 300 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern. Ganz viele von uns sehen sich an der Schnittstelle zwischen Wissen­schaft, Politik und Aktivismus. Als Kritnet intervenieren wir bei politischen Debatten, etwa in Form von Aufrufen. Wir waren auch schon auf der Titelseite der taz. Kurz gesagt wollen wir Argumente in die Debatten einbringen, die empirisch belegt sind und andere Seiten aufzeigen.

Aber besteht nicht die Gefahr, der politischen Voreingenommenheit verdächtigt zu werden?

Ganz im Gegenteil: Für mich war es nie ein Nachteil, einen politischen Standpunkt zu beziehen. Es sollte allerdings kein dogmatischer sein. In der Ethnologie habe ich gelernt, dass es sogar der wissenschaftlichere Weg ist, wenn man seine Positionierung deutlich macht und darüber nach­ denkt. Allerdings weiß ich wohl, dass man hierzulande noch recht zurückhaltend ist. Das gilt auch in meinem Fach, der Humangeographie, die im englischsprachigen Raum wesentlich politischer ist als in Deutschland. Mir ist klar, dass es für die Zurückhaltung historische Gründe gibt und man sich nicht vereinnahmen lassen möchte. Trotzdem braucht man Netzwerke, um sich gegen An­griffe zu wehren. Meiner Karriere hat es übrigens nicht geschadet. So bin ich immer wieder an Instituten gelandet, die genau so jemanden wie mich haben wollten. Ich glaube sogar, dass mir die politische Positionierung und das viele interdisziplinäre Arbeiten mehr wissenschaftliche Freiheit gebracht haben. Denn ich war weniger an Fachkulturen gebunden und damit weniger in Konkurrenzkämpfe verstrickt. Erst sehr spät habe ich überhaupt begonnen, meine Karriere strategisch anzugehen.

Das Gespräch führte Dirk Liesemer.

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