Die Idee der steten Vorwärtsbewegung – Jan Hennings

Die Idee der steten Vorwärtsbewegung – Jan Hennings

Dem Begriff nach mögen Revolutionen radikal und unumkehrbar sein, tatsächlich waren sie jedoch nie irreversibel.

Warum bezeichnet man als „Revolution“ Ereignisse oder Entwicklungen, die Elemente von Radikalität und Unumkehrbarkeit in sich tragen? Möglicherweise hängt das damit zusammen, dass die historische Erfahrung von radikalem Wandel nicht selten mit Zukunftsvorstellungen und der Idee unumkehrbaren Fortschritts gekoppelt war. Der Begriff „Revolution“ ist politisch-gesellschaftlich besetzt. Aber das war nicht immer so. Erst im Übergang von der Vormoderne zur Moderne hat sich eine Bedeutung des Begriffs herausgebildet, die unsere Wahrnehmung von tiefgreifenden Veränderungen bis heute prägt.
Das Wort fand schon früh in unterschiedlichen Kontexten Verwendung, etwa in der Astronomie. Schon immer gab es auch ein umfangreiches Vokabular für gewaltsamen Umsturz oder langfristige gesellschaftliche Umgestaltungen. Neu ist spätestens seit der Glorious Revolution von 1688 die positive und politisch legitimierende Wendung des Begriffs, die im Zukunftsoptimismus der aufklärerischen Geschichtsphilosophie zur vollen Entfaltung kam und durch die Idee progressiv umfassender Veränderung den geistigen Horizont der Französischen Revolution vorbereitete. Historische Erfahrung bewirkte den Wandel des Worts. Mit ihm begannen die Zeitgenossen des 17. und 18. Jahrhunderts einen unabwendbaren historischen Prozess zu benennen sowie die Machbarkeit und Durchsetzbarkeit politischer Ziele auszudrücken.
Durch die Übertragung des Begriffs in das Politische bezeichnet „Revolution“ seitdem nicht nur ein Ereignis in der Vergangenheit oder eine wissenschaftlich beschreibbare Tatsache, die unser Leben bestimmt. Er steht auch für etwas radikal Neues, für ein Programm, mit dem Menschen ihre Zukunft gestalten: „Der Begriff ist zugleich erkenntnisleitend wie handlungsweisend. Darin liegt seine Modernität beschlossen“, fasst Reinhart Koselleck diesen Bedeutungswandel im historischen Lexikon Geschichtliche Grundbegriffe zusammen.

Der Tatlin-Turm und die proletarische Weltrevolution

Im künstlerischen Umfeld der Russischen Revolution wurde diese Idee besonders einprägsam vom sowjetischen Avantgarde-Künstler Vladimir Tatlin formuliert: Er präsentierte 1919 ein Modell für das „Monument der Dritten Internationale“, den berühmten Tatlin-Turm. Die Architektur des Entwurfs veranschaulichte die Einheit von prozesshaftem Zeitbewusstsein und menschlichem Handlungsauftrag. Das vierhundert Meter hohe Gebäude sollte den Sitz der Kommunistischen Internationale beherbergen und die proletarische Weltrevolution sowie das gesellschaftlich-politische Leben nicht nur symbolisieren, sondern in seiner Dynamik selbst verkörpern und erfahrbar machen.
Monument to commemorate the Third International, 1919-20 (Litho), Tatlin, Vladimir Evgrafovich (1885–1953)/ Shuchev Russian Architecture Museum/ Sputnik/ Bridgeman Images
Auf drei zu einer Spirale emporwachsenden Achsen sollten separate Ebenen rotieren, auf denen wichtige Komponenten des modernen Lebens untergebracht werden konnten. Jede Achse kreiste nach unterschiedlichem Zeitmaß und beherbergte wichtige Tätigkeitsfelder der Dritten Internationale. Auf dem untersten Level drehte sich ein würfelförmiger Bau für legislative Funktionen und Kongresse in jährlicher Rotation. Für exekutive und administrative Aufgaben war eine Pyramide auf der mittleren Ebene vorgesehen, die sich in monatlicher Umdrehung bewegte. Ein Zylinder auf der obersten Achse rotierte einmal täglich und bot Platz für Institutionen der Informationsverbreitung.

Die Utopie der steten Vorwärtsbewegung

In seiner Ästhetik stellte der Turm die Revolution als unumkehrbare, vorwärtsschreitende Entwicklung dar. Gleichzeitig brachte er sie durch seine Rotationsdynamik und die darin eingebundenen Entscheidungsprozesse gewissermaßen selbst hervor. Der Kritiker Viktor Shklovskii meinte dazu passend in einem russischen Zeitschriftenbeitrag aus dem Jahr 1921, der Turm sei aus Stahl, Glas und Revolution gemacht. Der Kunsthistoriker Nikolai Punin hatte kurz vorher in einem Kommentar zu dem Modell beobachtet, dass der Turm eine Bewegung revolutionärer Befreiung bedeute. Seine Form sei fest verankert im Fundament, aber sie fliehe vom Grund nach oben, schraube sich in die Höhe und überwinde dabei das Material und die Kraft der Gravitation.
Die Gesellschaft wachse in einer Spiralbewegung und konstanter Revolution aufwärts und überkomme alle erdhaften, animalischen Interessen und Instinkte. In dieser Interpretation überwindet das Neue für immer die Fesseln alter Strukturen und Traditionen. So ein Prozess setzt radikalen Änderungswillen voraus und lässt keine Rückkehr zu vorherigen Seinszuständen zu. Dem Begriff nach mögen Revolutionen radikal und irreversibel sein, aber nie waren politisch-soziale Umgestaltungen tatsächlich unumkehrbar. Radikale Umwälzungen bringen stets Kräfte hervor, die das Rad der Revolution mit Gewalt zurückdrehen, da es sich schon in unaufhaltsamem Schwung nach vorn bewegt – man denke an die Terrorherrschaft während der Französischen Revolution beziehungsweise die spätere Restauration der bourbonischen Monarchie oder an den russischen Bürgerkrieg nach der Oktoberrevolution beziehungsweise die Auflösung der Sowjetunion im späten 20. Jahrhundert. Die Geschichte zeigt: Das „Kein Weg zurück!“ ist in menschengemachten Revolutionen utopisch, obwohl die Idee der irreversiblen Vorwärtsbewegung im Kern des modernen Revolutionsbegriffs angelegt ist.
Tatlins Zukunftsversion, entworfen während des russischen Bürgerkriegs, verzichtete freilich auf diese gegengelagerte Achse – das Rad der Geschichte. Stattdessen sollte die Revolution die Gesellschaft in scheinbar unumkehrbaren Spiralbewegungen zu höheren Errungenschaften winden. Aber dies blieb Utopie, der Turm wurde nie gebaut. Tiefgreifend und möglicherweise unumkehrbar – und in diesem Sinne „revolutionär“ – ist allein jener Bedeutungswandel, den moderne Revolutionen selbst herbeigeführt haben, indem sie historisches Bewusstsein, menschliches Handeln und Zukunftsprogrammatik in dem Begriff  „Revolution“ miteinander verschränkt haben. Vor das Wort gibt es kein Zurück. Diese Begrifflichkeit mag vielleicht auch erklären, weshalb nicht alle politischen Umwälzungen der jüngsten Geschichte trotz ihrer positiv-legitimierenden Begleitvorstellungen unbestritten als „Revolutionen“ in den allgemeinen Sprachgebrauch finden, zumindest dann nicht, wenn sie sich nicht ohne weiteres in den lexikalischen Bestand historischer Erfahrung einordnen lassen und entweder mit Attributen abgewandelt werden oder ihrerseits neues Vokabular hervorbringen, wie „die Friedliche Revolution von 1989“ – „die Wende“.
Der Historiker Jan Hennings, Mitglied der Jungen Akademie seit 2016, forscht am Department of History der Central European University Budapest.
Zum Weiterlesen: Reinhart Koselleck, ‘Art. Revolution, Rebellion, Aufruhr, Bürgerkrieg’ in: Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland, vol. 5, Stuttgart 2004, pp. 653-788. Nikolai Punin, Pamiatnik III Internatsionala. Proekt khud. V.E. Tatlina, St Petersburg 1920. Viktor Shklovskii, ‘Pamiatnik Tret’emu Internatsionalu’ in: Zhizn’ iskusstva, 5-9 January 1921.

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