Die unsichtbare Hand der Wissenschaft – Marko Kovic, Adrian Rauchfleisch, Christian Caspar

Die unsichtbare Hand der Wissenschaft – Marko Kovic, Adrian Rauchfleisch, Christian Caspar

Unsere Forschung leidet unter hausgemachten Fehlanreizen. Mittlerweile sind schwere Folgen für das Wissenschaftssystem und die Gesellschaft absehbar.

Der Wissenschaft geht es in unseren Breitengraden grundsätzlich gut. Dass sie öffentlich gefördert werden soll, ist nach wie vor ein breiter gesellschaftlicher Konsens. Dass sie frei von staatlicher Kontrolle und Zensur arbeiten soll, ist eine demokratische Selbstverständlichkeit. Dass das Wissenschaftssystem hilft, Probleme zu lösen und unser Leben zu verbessern, ist dank reichlich Empirie unbestreitbar.

Und doch scheint im wissenschaftlichen System der Wurm drin zu sein. Seit mehr als einem Jahrzehnt wird nämlich hitzig und heftig über die Krise der Wissenschaft gestritten: Immer mehr wissenschaftliche Befunde erweisen sich bei genauerem Hinschauen als übertrieben, verzerrt oder gar komplett falsch. Teilweise sind verzerrende Einflüsse von außen dafür verantwortlich. Auftragsforschung privater Unter­nehmen beispielsweise kommt überdurchschnittlich oft zu Ergebnissen, die den Interessen der auftraggebenden Unternehmen entsprechen.

"Wer akademisch Karriere machen will, muss vor allem eines tun: publizieren"

Die Krise ist aber mehrheitlich nicht die Folge verzerrender Einflüsse von außen, sondern die ungewollte Konsequenz verzerrender Dynamiken innerhalb des Wissenschaftssystems. Wer akademisch Karriere machen will, muss vor allem eines tun: publizieren. Das Publizieren von Forschungsergebnissen ist grundsätzlich auch wichtig und richtig: Würden Forscherinnen und Forscher ihre Ergebnisse nicht veröffentlichen, könnten andere Forschende nicht daraus lernen und darauf aufbauen. Publizieren gehört also fundamental zur Wissenschaft. Wissenschaftliche Publikationen haben aber längst nicht mehr nur die Funktion, Erkenntnisse weiterzugeben. Viel­mehr sind sie heute die wichtigste Währung im akademischen Arbeitsmarkt. Wer nicht publiziert, landet schnell auf dem Abstellgleis. Diese Dynamik, bekannt als Publish or Perish-­Druck, stellt einen Zielkonflikt mit der eigentlichen Idee von Wissenschaft dar: dem ergebnisoffenen und sauberen Forschen. Wenn nämlich der Druck besteht, möglichst viel zu publizieren, besteht automatisch der Anreiz, dafür den Weg des geringsten Widerstandes zu gehen. Das ist ein Problem, denn damit beugen sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler einem weiteren Druck: dem Publication Bias bei den Fachzeitschriften.

Für Forschende, die unter dem ‚Publish or Perish‘-Druck leiden, entsteht der schwerwiegende Fehlanreiz, entsprechend ‚spannende‘ Befunde zu liefern

Akademische Fachzeitschriften haben die wertvolle Funktion, wissenschaftliche Erkenntnisse zu sammeln, zu katalogisieren und für die Zukunft zu archivieren. Dank des Peer Review­-Verfahrens üben diese Journale auch eine wichtige Rolle im Qualitätsmanagement aus, damit fehlerhafte und unsaubere Arbeiten möglichst herausgefiltert werden. Journale sind aber alles andere als neutral: Praktisch alle üben sich in der ein oder anderen Form des Publication Bias; der Tendenz also, möglichst „spannende“ und möglichst auffällige „positive“ Ergebnisse veröffentlichen zu wollen. Für Forschende, die unter dem Publish or Perish-­Druck leiden, entsteht dadurch der schwerwiegende Fehlanreiz, entsprechend „spannende“ Befunde zu liefern. Das bedeutet einerseits, dass weniger „spannende“ Ergebnisse oft gar nie das Licht des Tages erblicken. Andererseits – und wohl gravierender – tendieren Forschende dazu, genug „spannende“ Befunde herzustellen. Gerade bei quantitativer Forschung ist es trivial einfach, mittels Praktiken wie p-Hacking, Data Dredging, HARKing („Hypothesizing after the results are known“) „spannende“ Ergebnisse herzustellen. Das Bestreben, „spannende“ und damit publizierbare Ergebnisse herzustellen, ist meistens nicht betrügerisch: Wenn Forschende in einem von Publish or Perish und Publication Bias geprägten System sozialisiert werden, ist das Herstellen „spannender“ Ergebnisse schlicht die allgemein akzeptierte Norm des wissenschaftlichen Arbeitens.

„Warum ist die Krise sogar innerhalb der Wissenschaft bloß ein Nischenthema?“

Das Wechselspiel von Publish or Perish und Publication Bias hat für das System der Wissenschaft, aber auch für die gesamte Gesellschaft schwerwiegende Folgen. Wissenschaft existiert, um epistemischen Fortschritt zu ermöglichen. Alles, was diesen Fortschritt verlangsamt, ist ein Problem, zumal wissenschaftlicher Fort­schritt heute angesichts der zahlreichen globalen Herausforderungen wichtiger ist denn je. Warum sind die Feuilletons also nicht voll von Kritik und Lösungsvorschlägen? Warum wimmelt es nicht vor Arbeitsgruppen, die die Krise der Wissenschaft angehen? Warum ist die Krise sogar innerhalb der Wissenschaft bloß ein Nischenthema?

Der Publish or Perish­-Druck und der Publication Bias sind keine externen Schocks, keine Eingriffe von außen. Würde sich eine Regierung beispielsweise anmaßen, Forschung aktiv zu zensieren, gäbe das einen breiten öffentlichen Auf­schrei. Die systemischen Fehlanreize im Wissenschaftssystem sind ein Kind des Systems selber, das die Freiheit der Wissenschaft nicht von außen bedroht, sondern von innen erodiert. Außenstehende können entsprechend kaum nachvollziehen, was an dieser für sie abstrakten Thematik wirklich dran ist. Die Entscheidungsträger innerhalb der Wissenschaft ihrerseits neigen natürlicherweise zu einem Status quo Bias: Warum etwas an dem System, das sie zum Erfolg gebracht hat, ändern?

Um ernsthaft gegen die systemischen Fehlanreize in der Wissenschaft anzugehen, sind strukturelle Veränderungen wohl unabdingbar. Der Umstand etwa, dass der einzige akademische Karriereweg zunehmend nur jener der Professur ist, ist geradezu absurd (das ist in etwa so, als wäre der einzige Karriereweg in der Privatwirtschaft jener des CEO). Mehr Möglichkeiten für Fachkarrieren jenseits der Professur würden den Fehlanreizen in der Wissenschaft zumindest teilweise den Wind aus den Segeln nehmen. Eine zweite hilfreiche Maßnahme wäre, bei der Besetzung von Professuren Kompetenzen jenseits der Publikationsgeschichte, etwa die Nachwuchsförderung oder die Lehre, stärker zu gewichten.

Angesichts der Apathie seitens der Politik und der Öffentlichkeit auf der einen, des Status quo Bias der intrawissenschaftlichen Stakeholder auf der anderen Seite wird es nicht einfach werden, den Stein möglicher Reformen ins Rollen zu bringen. Trotzdem ist es notwendig, es zu versuchen: Freiheit, auch jene der Wissenschaft, ist nicht selbstverständlich – sie ist ein Ideal, auf das wir aktiv hin­ arbeiten müssen.

Marko Kovic ist Präsident des Zurich Institute of Public Affairs Research (ZIPAR) sowie CEO des Beratungsunternehmens ars cognitionis. ZIPAR ist eine transdisziplinäre Denkfabrik, die sich mit unterschiedlichen gesellschaftlichen Herausforderungen befasst.

Adrian Rauchfleisch ist Mitglied im Vorstand von ZIPAR und Assistant Professor im Graduate Institute of Journalism an der National Taiwan University in Taipei.

Christian Caspar ist Mitglied im Vorstand von ZIPAR und Doktorand der Politikwissenschaft.

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