Strukturwandel und Neue Volksmusik – Deidre Rath

Strukturwandel und Neue Volksmusik – Deidre Rath

Die interdisziplinäre Tagung „Sweet Home“ erkundete in Essen eine besondere Weltregion: die Heimat

„Das Beste am Ruhrgebiet sind seine Menschen.“ Mit diesem Zitat von Heinrich Böll eröffnete Andreas Jacob, Rektor der Folkwang UdK Essen, gemeinsam mit Mitglied und Tagungsorganisator Gordon Kampe das interdisziplinäre Symposium „Sweet Home“. Vom 5. bis 6. Mai 2017 beleuchteten 13 Beiträge vor der Kulisse der im Jahr 1986 stillgelegten Zeche Zollverein in Essen das Thema „Heimat“ in seinen unterschiedlichen Facetten. „Heimat“ und damit „das Eigene“ implizieren stets auch das „Fremde“. Eine mögliche Verwendungsweise des Begriffs beschreibt die Verwurzelung in einem bestimmten Land oder einer Region, deren dort geltende Werte und Traditionen man teilt. In diesem Sinne meint „Heimat“ also die Herkunft – und nicht selten steht der Begriff auch für eine christlich gelebte Identität.

Gerade die Heimatlosigkeit findet in der Bibel ihre existenzielle Grundbestimmung

Der Idee eines deutschen, christlichen Abendlandes nähmen sich gerade auch rechte Parteien allzu gerne an, sagte unser Mitglied Katharina Heyden, Professorin für Ältere Geschichte des Christentums und der interreligiösen Begegnungen an der Universität Bern. Und so wirbt nicht zuletzt die AfD für einen Kampf für das deutsche und – in Abgrenzung zum Feindbild des Islam – christliche Abendland, das es zu schützen gelte. Daher bilde die Partei seit längerer Zeit auch einen Hort für viele fundamentale Christen: Gerade diese Verknüpfung des Christentums mit einem irdischen Heimatbegriff sei aber irreführend, erläuterte Heyden. Ganz im Gegenteil sei es gerade die Heimatlosigkeit, die in der Bibel ihre existenzielle Grundbestimmung finde.

Die Spiritualisierung des Heimatbegriffs finde sich vor allem im Neuen Testament, in dem „Heimat“ als große Verheißung eben nicht das irdische, sondern vielmehr das himmlische Vaterland beschreibe. So zeigt es auch ein pseudopaulinischer Brief an die Hebräer um 80/90 n. Chr. aus Rom: „Diese alle sind gestorben im Glauben und haben das Verheißene nicht erlangt, sondern es nur von fern gesehen und gegrüßt und haben bekannt, dass sie Gäste und Fremdlinge auf der Erde sind (ξένοι καὶ παρεπιγημοί ἐπὶ τῆς γῆς). Wenn sie aber solches sagen, geben sie zu verstehen, dass sie ein Vaterland suchen (πατρίδα ἐπιζητοῦσιν). Und wenn sie das Land gemeint hätten, von dem sie ausgezogen waren, hätten sie ja Zeit gehabt, wieder umzukehren. Nun aber sehnen sie sich nach einem besseren (Vaterland), nämlich dem himmlischen.“ So könnten Christen einer jeden Bürgerschaft auf Erden immer nur teilweise nachkommen und blieben in jedem irdischen Vaterland zuletzt doch fremd, selbst wenn sie versuchten, diese himmlische Heimat an weltlichen Orten zu spiegeln. Gerade in politischen und instrumentalisierenden Diskussionen müsse die Theologie daher aufzeigen, welche Ambivalenzen im Begriff der „Heimat“ bestehen.

"Heimat ist immer auch das Wieder-Erkennen von Situationen"

Um Heimatlosigkeit ging es auch im Vortrag von Martin Butler, Professor für American Literary and Cultural Studies an der Universität Oldenburg. Er widmete sich in seinem Vortrag „No Home in this World anymore“ einem Phänomen des Amerikas der 1930er Jahre: In einer Zeit der ökonomischen und ökologischen Verwerfungen entschieden sich immer mehr junge Männer für ein Leben als Wanderarbeiter und damit für ein Leben auf der Straße. Zunächst eher verachtet, entwickelte sich die Figur des heimatlosen Herumwandernden zu einem romantisierten Topos der amerikanischen Folkmusik. Galionsfigur und Initiator war unter anderem der 1912 in Oklahoma geborene Woody Guthrie. Das Lebensmodell des sogenannten Hobos sah sich – auch mittels Guthrie – einer zunehmenden Vereinnahmung durch Linke gegenüber: Der Hobo schien aufgrund seiner marginalisierten und dadurch nicht zu korrumpierenden Position wie geschaffen, eine Art kultureller Wachtmeister zu sein, sagte Butler. So instrumentalisierten gerade die aufkeimenden Gewerkschaften die Hobos gern für ihre Zwecke. Dennoch kann auch das Umherreisen auf Heimat rekurrieren. Oder wie der Soziologe Hartmut Rosa es formulierte: „Weil Heimat immer auch das Wieder-Erkennen von Situationen bedeutet, ist es gar nicht verwunderlich, dass es inzwischen Menschen gibt, die sich im ICE oder in der Lufthansa-Lounge zu Hause fühlen. Das auf festgelegte Weise wiederkehrende Unterwegssein kann paradoxerweise selbst zu einer vertrauten Art des In-der-Weltseins, zur Heimat werden.“ Eine Heimat zu haben kann also auch schlicht heißen, eine spezifische Beziehung zu einem Weltausschnitt einzunehmen, in dem uns die Dinge etwas sagen, zu uns sprechen und einen Resonanzraum bilden, wie es in der anschließenden Diskussionsrunde formuliert wurde.

Die Volksmusik erscheint heute in einem neuen Gewand

Eine andere musikalische Position behandelte der Vortrag unseres Mitglieds, der Musikwissenschaftlerin Miriam Akkermann. Ideologisch unaufgeladen zeige sich derzeit der sogenannte deutsche „Tradimix“, bei dem neue Elemente mit traditionellen Instrumenten verbunden werden. Was früher Volksmusik hieß, komme heute in neuem Gewand verpackt und mit einem Augenzwinkern daher, sodass sich auch solche Leute auf Konzerte wagen, die sich bei traditioneller Volksmusik nie „die Blöße“ geben würden. Exemplarisch für den Trend steht die Band „Kofelgschroa“ aus Bayern, deren Inszenierung von Kultur und Heimat so unbelastet sei, dass auch Berliner Hipster dazu tanzten. Die Tradition sei gerade den jungen Leuten der deutschen Großstädte so fremd geworden, dass sie sich nicht mehr mit ihr identifizierten. Die „neue Volksmusik“ sei daher zugleich bekannt und doch exotisch und gleiche einer Art „Heimat to go“ –  zeige versteckte Heimatsehnsüchte und bleibe doch unverbindlich.

Der Musikwissenschaftler Andreas Jacob beschrieb, dass auch das Ruhrgebiet auf eigene Volkslieder zurückblicke. Gerade das raue und gefährliche Leben der Berg- und Stahlarbeiter spiegele sich in Liedern wie „Mit schwachen Armen, bleichen Wangen (Das Bergmannskind)“ oder dem „Steigerlied“ wider. Untrennbar verknüpft mit einem Heimatbegriff ist hier der Strukturwandel und die damit einhergegangene Schließung von Hochöfen und Zechen sowie deren Umnutzung zu kulturellen Veranstaltungsorten. Zu guter Letzt sei laut Jacob der weniger euphorische Schluss von Bölls viel zitiertem Satz nicht zu vergessen: „Kein Bauwerk, kein Haus, kein Landschaftsbild wird sichtbar, das einem Fremden eine Reise oder wenigstens eines Aufenthaltes wert erschien. Die Industrie hat eine Landschaft getötet, ohne eine neue zu bilden.“ Zum Glück ist seit Bölls Aufenthalt ein wenig Zeit vergangen..

 

Deidre Rath ist freie Mitarbeiterin bei der Jungen Akademie.

 

Die interdisziplinäre Tagung zum Thema „Sweet Home“ wurde im Rahmen des Essener Wissenschaftssommers 2017 abgehalten. An das Symposium angebunden war außerdem die Ausstellung „An diesem Ort _ die Ungewissheit bestimmt den Aufenthalt“, die sich in Form fotografischer Positionen von Fotografie-Studierenden der Folkwang UdK mit der Situation von Geflüchteten auseinandersetzte. 

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