Es wird schwieriger, langfristig an einem Thema zu arbeiten – Anuscheh Farahat

Es wird schwieriger, langfristig an einem Thema zu arbeiten – Anuscheh Farahat

Die Rechtswissenschaftlerin Anuscheh Farahat über kritische Trends in der Wissenschaftsförderung

Wie sehr ist das Ideal der Wissenschaftsfreiheit in der Rechtswissenschaft erfüllt?

Hierzulande sehe ich zur Zeit keine akute Bedrohung der Wissenschaftsfreiheit. Damit sich Wissenschaft aber wirklich unabhängig und frei entwickeln kann, muss eine Reihe von Bedingungen erfüllt sein. Notwendig ist zum einen ein breiter Zugang zu möglichst viel Literatur, was durch eine extreme Verteuerung und Monopolstrukturen in der Verlagslandschaft gefährdet sein kann. Zudem ist wichtig, dass vielfältige Methoden anerkannt sind. Ich arbeite zwar primär mit juristischen Methoden, aber um zu sehen, wie das Recht in anderen Lebensbereichen wirkt, muss ich auch interdisziplinär arbeiten und die Methoden anderer Fächer anwenden. Noch ist es keineswegs selbstverständlich, dass diese auch in meinem Fach oder von der Wissenschaftsförderung an­erkannt sind. Immerhin ändert sich das langsam. Interdisziplinarität wird heute regelmäßig in der Wissenschaftsförderung verlangt. Allerdings gibt es auch strukturelle Hindernisse: Interdisziplinäres Arbeiten braucht nach meiner Erfahrung viel Zeit, gerade in Kooperationsprojekten. Man muss die Methoden und Begrifflichkeiten anderer Disziplinen erst einmal verstehen und verinnerlichen. Das ist mit der Fokussierung auf die Produktion von immer mehr und immer schnellerem wissenschaftlichen „Output“ zuweilen kaum vereinbar.

Und wie steht es um den Zugang zur Literatur?

Da ich an einer großen Universität und an einem Max­-Planck­-Institut arbeite, sind die Bedingungen für mich sehr gut. Aber je kleiner die Universität, desto geringer sind die finanziellen Ressourcen, was sich bereits auf die Verlagslandschaft ausgewirkt hat. Für Universitäten wird es dafür im Gegenzug immer teurer, Pakete von internationalen Fachpublikationen zu erwerben. Andererseits gibt es einen starken Trend zu frei zugänglichen Online-Zeitschriften, deren wissenschaftliche Reputation sich in den letzten Jahren verbessert hat.

Also sehr renommierte Zeitungen werden teurer, dafür wird Wissenschaft im Internet stärker sichtbar. Ohne umfassenden Zugang zu Verlagspublikationen geht es aber weiterhin nicht.

Nicht nur die Universitäten brauchen Geld, auch einzelne Projekte. Welche Erfahrungen und Beobachtungen machen Sie, wenn es um Förderanträge geht?

Wir haben eine sehr starke Förderlandschaft für Drittmittel. Sowohl von der EU als auch auf nationaler Ebene gibt es viele gut dotierte und thematisch offene Programme. Allerdings wird es schwieriger, langfristig an einem Thema zu arbeiten – und dafür auch Drittmittel zu erhalten –, das gerade nicht auf der rechts­politischen Agenda steht oder dessen gesellschaftliche Relevanz nicht gleich erkennbar ist. Zudem schreiben einige Drittmittelgeber zunehmend inhaltliche Programme aus. Dadurch besteht die Gefahr, dass Wissenschaft letztlich in eine bestimmte Richtung gedrängt wird, was für Nischenthemen problematisch werden kann. Ich denke daher, dass vor allem die grundlegende Ausstattung von Professuren und Forschungseinrichtungen verbessert werden sollte.

Bekannterweise erfährt die Klimaforschung heftige Attacken aus der Industrie und der Gesellschaft. Letztlich soll ihre Wissenschaftlichkeit in Zweifel gezogen werden. Erleben Sie vergleichbare Angriffe auf rechtswissenschaftliche Studien?

Unsere Situation ist nicht vergleichbar mit derjenigen der Klimaforschung, es ist aber durch­aus nicht so, dass die Dinge politisch neutral sind. Es kommt vor, dass Positionen aus politischen Gründen als unhaltbar angesehen werden. Anders als die Klimawissenschaft sind wir politiknäher, was Vorteil wie Nachteil sein kann. Jedes Gesetz ist erst einmal ein Ergebnis von Politik, das wir mit Hilfe juristischer Methoden interpretieren müssen.

Gleichwohl gibt es oft genug unterschiedliche Meinungen.

Wenn die Debatte besonders auf­geheizt ist, etwa beim Migrationsrecht und Flüchtlingsschutz, ist schon mal der Vorwurf zu hören, dass man eine Interpretation vertritt, die einem selbst nahe ist. Man kann solche Angriffe aber entkräften oder zurückspielen.

Das Gespräch führte Dirk Liesemer.

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