Kontingenzbewältigung durch Ambivalenztoleranz – Christoph Lundgreen

Kontingenzbewältigung durch Ambivalenztoleranz – Christoph Lundgreen

Neben allen äußeren Bedingungen gehört für mich persönlich zur Wissenschaftsfreiheit auch die Freiheit, Wissenschaft mit Wilhelm von Humboldt als „etwas noch nicht Gefundenes und nie ganz Aufzufindendes“ aufzufassen. Darunter verstehe ich ein stetes Ringen um Deutungen und Interpretationen, die Arbeit mit unterschiedlichen und nicht belegbaren Prämissen, das Aushalten von konkurrierenden Erklärungsmodellen, schließlich: die immerwährende Möglichkeit und auch Notwendigkeit der Revision von bislang geltendem Wissen.  Konkret bedeutet dies: Kontingenz statt Kausalität, Plausibilität statt Wahrheit, Ambivalenz statt Eindeutigkeit.

Nicht überraschend passt Wissenschaftsfreiheit in diesem Sinn besonders gut zu Demokratien westlicher Prägung und offenen Gesellschaften, deren politische Ordnungen auch immer neu verhandelt beziehungsweise ausbuchstabiert werden müssen und gerade keine Antworten auf letzte Fragen geben. Für beide, offene Gesellschaften wie Wissenschaftsfreiheit, gilt dabei in Anlehnung an Ernst-Wolfgang Böckenförde, dass sie von Voraussetzungen leben, die sie selbst nicht garantieren können – was individuelles Engagement dafür nur umso wichtiger macht.

"Wissenschaft kann bei gegebenem Zweck die Geeignetheit der Mittel überprüfen, auf deren Nebenfolgen hinweisen und die ihnen zugrunde liegenden Prämissen offenlegen; sie kann aber eben nicht die Zwecke selbst bestimmen."

Vor diesem Hintergrund ist der Rekurs auf vermeintlich unstrittige Fakten ein Sirenengesang: verlockend, aber fatal. Zum einen bedeutet die vorgebliche klare Trennung von unstrittigen Fakten hier und bloßen Meinungen dort erkenntnistheoretisch einen enormen Rückschritt, zum anderen droht die Überforderung der stets plural zu denkenden Wissenschaft. Hier gilt aktueller denn je, was Max Weber vor hundert Jahren schrieb: Wissenschaft kann bei gegebenem Zweck die Geeignetheit der Mittel überprüfen, auf deren Nebenfolgen hinweisen und die ihnen zugrunde liegenden Prämissen offenlegen; sie kann aber eben nicht die Zwecke selbst bestimmen. Das mag alle diejenigen enttäuschen, die sich von der Wissenschaft eindeutige Antworten oder gar politische Handlungsanweisungen wünschen. Dabei dürfte der (behauptete) Vertrauensverlust der Wissenschaft gerade daran liegen, dass versucht wird, mit dem Gewicht vermeintlicher Objektivität Werturteile zu treffen, die in den Be­reich der Politik oder des Individuums gehören. Wissenschaft kann Orientierung und Entscheidungshilfe bieten, darf Bedürfnissen von Eindeutigkeit, gar vermeintlicher Notwendigkeit aber nicht nachgeben, um Enttäuschungen zu vermeiden und Distanz zu sich selbst zu bewahren. Gerade wenn Wahrheit keine Machtfrage sein soll, kann es immer nur um Wahrheiten gehen.

Besser wäre es daher, die moderne Gesellschaft lernte von der Wissenschaft, was der Komplexität beider angemessen ist: Kontingenzbewältigung durch Ambivalenztoleranz.

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen