Freiheit braucht das Zusammenspiel verschiedener Akteure – András Jakab und Zsolt Enyedi im Gespräch mit Jan Hennings

Freiheit braucht das Zusammenspiel verschiedener Akteure – András Jakab und Zsolt Enyedi im Gespräch mit Jan Hennings

Unser Mitglied Jan Hennings diskutiert mit dem Verfassungsrechtler András Jakab und dem Politikwissenschaftler Zsolt Enyedi über die Frage, wie politisch Wissenschaft sein muss, damit sie frei bleibt

Jan Hennings: Die Wissenschaftsfreiheit ist durch Artikel X, Absatz 1 bis 3 des ungarischen Grundgesetzes geschützt. Was heißt Wissenschaftsfreiheit für Sie persönlich?

Zsolt Enyedi (ZE ): Für mich bedeutet es die Freiheit, nach der Wahrheit zu forschen, und die Möglichkeit, mein Wissen mit Studierenden zu teilen, egal ob dieses Wissen mit den Programmen von Regierungen oder den Überzeugungen von Politikern übereinstimmt. Das ist die Art von Freiheit, die jedem einzelnen Wissenschaftler zusteht. Da Wissensproduktion aber auch institutionell verankert ist, umfasst Wissenschaftsfreiheit zudem die Autonomie von Institutionen. Diese müssen in ihrem Auftrag, Wissen zu schaffen, frei von äußerer Einmischung bleiben.

András Jakab (AJ ): Grundsätzlich stimme ich dem zu. Begrifflich mag man zwar den institutionellen Aspekt separat von der individuellen Freiheit des Forschenden betrachten, doch Letztere basiert auf der Autonomie der Institutionen. Diese beinhaltet nicht nur den Schutz vor parteipolitischen Eingriffen, sondern auch ganz praktische Dinge wie zum Beispiel die sichere und planbare Finanzierung von Forschung und Lehre und die Garantie, dass Institutionen ihre inneren Angelegenheiten und Verfahren eigenständig regeln können. Die Freiheit des Einzelnen in Forschung und Lehre und die institutionelle und prozedurale Autonomie der Universitäten gehören also zusammen.

Wissenschaftsfreiheit ist kein Privileg von Individuen oder Institutionen. Es ist vielmehr ein durch die Verfassung verbürgtes Recht und liegt damit im Interesse der Gesellschaft. Wie profitiert die Gesellschaft von der Wissenschaftsfreiheit?

AJ: Zur Begründung individueller akademischer Freiheit wird gewöhnlich ein konsequentialistisches Argument an­ geführt, demzufolge Wissenschaftsfreiheit die Voraussetzung für das Streben nach Wahrheit und Wissen ist. Gleich­ zeitig wird bezweifelt, ob eine solche ergebnisorientierte Begründung ausreicht, um wissenschaftliche Freiheit als Bedingung für originelle und innovative Forschung zu legitimieren. Schaut man sich etwa die Mathematik in der Sowjetunion in den 1980er Jahren an, stellt man fest, dass in diesem Bereich auf höchstem Niveau geforscht wurde. Institutionelle Autonomie ist also nicht notwendigerweise eine Voraussetzung für Spitzenforschung. Das konsequentialistische Argument ist offenbar nicht ganz hinreichend, um Wissenschaftsfreiheit im Allgemeinen zu legitimieren. Ein anderer Ansatz besagt, dass Wissenschaftsfreiheit einen Wert an sich darstellt. In der Literatur wird im Weiteren diskutiert, inwiefern Universitäten Teil eines institutionellen Rahmenwerks sind, das die Gewaltenteilung garantiert.

Sicherlich ist dies der Fall, aber es gibt neben Universitäten effizientere Institutionen, die Politiker und Entscheidungsträger zur Verantwortung ziehen und somit die Gewaltenteilung bewahren. Die Wissenschaftsfreiheit ist meines Erachtens im institutionellen Sinn deshalb so wichtig, weil wir Institutionen benötigen, die kritisches Denken fördern – als Grundlage einer Gesellschaft, in der wir leben möchten.

Das heißt, die rechtliche Definition von Wissenschaftsfreiheit ist lediglich der Aus- druck eines fundamentalen gesellschaftlichen Werts, der seinerseits auf öffentlichem Konsens beruht?

ZE: Ja, dies ist der Grund, warum es in einem demokratischen Staat die gemeinsame Verantwortung von politischen Amtsträgern und Wissenschaftlern ist, über den Zweck von Forschung nachzudenken und über finanzielle Förderung so zu entscheiden, dass sie der Gesellschaft nützt. Es dabei so einzurichten, dass unabhängiges kritisches Denken geschützt wird, das ist ein wichtiger Teil dieses Konsenses.

AJ: Natürlich gibt es die berechtigte Erwar­tung, dass Forschung dem Menschen dienen soll. Das Problem entsteht, wenn eine Gesellschaft den Nutzen von Wissenschaft im Interesse des Volks über den Wert der Wissenschaftsfreiheit stellt. Die kommunistische Verfassung von 1949 etwa formulierte explizit, dass die Ungarische Volksrepublik Wissenschaft nur dann unterstützt, wenn sie der Arbeiterklasse dient. Dies galt im Übrigen auch für die Kunst, die die Verfassung als wertvoll ansah, wenn sie den Kampf und die Siege der arbeitenden Bevölkerung darstellte. Die Geschichte hat gezeigt, dass ein verfassungs­rechtlicher Rahmen, der ideologische Ziele über die Freiheit der Wissenschaften und Künste stellt, auf einen gefährlichen Weg führt.

Wer garantiert Wissenschaftsfreiheit? Die Politik, das Gesetz, die Gesellschaft oder Gelehrte?

AJ: Jeder, der an dem Prozess teilnimmt, trägt dazu bei, diese Freiheit zu schützen. Man kann wunderbare Hochschulgesetze schreiben, die auf dem Papier gut aussehen, während Wissenschaftsfreiheit in Wirklichkeit nicht existiert. Und manchmal gibt es mangelhafte rechtliche Rahmenbedingungen, aber die allgemeine politische Kultur schützt trotzdem die Wissenschaftsfreiheit. Gesellschaftliche Freiheiten lassen sich nur im Zusammenspiel der unterschiedlichen Akteure erhalten.

Professor Enyedi, als Prorektor für ungarische Angelegenheiten an der Central European University (CEU) scheint die Frage, wer für Wissenschaftsfreiheit einsteht, besonders relevant. Im April 2017 verabschiedete das ungarische Parlament Änderungen im Hochschulgesetz. Die Öffentlichkeit nannte die Gesetzesnovelle bald „Lex CEU“, weil es von vielen als direkter Angriff auf ihre Universität gewertet wurde. Das Gesetz formulierte Bedingungen für in Ungarn ansässige, aber im Ausland registrierte Universitäten, die nur die CEU innerhalb des gegebenen Zeitrahmens nicht erfüllen konnte. Wie fügen sich die Ereignisse um die CEU in die allgemeinen Entwicklungen in Ungarn, vor allem was die Frage der Wissenschaftsfreiheit anbelangt?

ZE: Seit Beginn der Orbán­-Regierung im Jahr 2010 beobachten wir ganz generell einen starken interventionistischen Trend durch den Staat. In der Bildungspolitik wird alles, was nicht der industriellen Entwicklung dient, vernachlässigt. Große Summen an Geld wurden der Bildung entzogen. Die Regierung ist der Auffassung, es gäbe in Ungarn zu viele Bürger mit akademischen Abschlüssen. Tatsächlich ist die Zahl der Absolventen mit Universitätsabschlüssen rückläufig. Das Schulabgangsalter wurde von 18 auf 16 Jahre herabgesetzt. In den Lehrplänen gab es Änderungen zu Lasten der Geistes-­ und Sozialwissenschaften. Einheitliche Schulbücher wurden eingeführt. Die Regierung hat begonnen, sich in die Leitung der Universitäten einzumischen. In einem Fall wurde einer Universität ein neuer Rektor aufgezwungen, obwohl die Universität einen anderen Kandidaten auf den Posten gewählt hatte. Insgesamt beobachten wir eine drastische Zentralisierung und Politisierung von Bildung und Forschung sowie einen Rückgang materieller Ressourcen für Schulen, Universitäten und die Ungarische Akademie der Wissenschaften.

 

„Die Grundfreiheiten sind seit ein paar Jahren auf dem Rückzug, wobei Bildung und Forschung nur einen Teilaspekt des Wandels in Ungarn ausmachen.“    András Jakab

 

Professor Jakab, fällt es noch in die Verantwortung von politischen Entscheidungsträgern, Bildungs- und Wissenschaftspolitik derart zu gestalten? Oder sehen Sie, was Professor Enyedi beschreibt, bereits als Anzeichen für eine Bedrohung der Wissenschaftsfreiheit in Ungarn?

AJ: Ich denke, die Grundfreiheiten sind seit ein paar Jahren auf dem Rückzug, wobei Bildung und Forschung nur einen Teilaspekt des Wandels in Ungarn ausmachen. Es ist ein Staat entstanden, der in allen möglichen Bereichen immer zentralistischer und interventionistischer agiert, zum Bei­spiel auch in der kommunalen Selbstverwaltung.

Hat es direkte Restriktionen in Lehre und Forschung gegeben?

AJ: Bestimmte Dinge in Ungarn sind tat­sächlich besorgniserregend. Dazu gehört vor allem die stete Schwächung institutioneller Autonomien. Es muss aber auch gesagt werden, was bisher nicht passiert ist: Wenn man einen kritischen, wissenschaftlichen Aufsatz veröffentlicht, verliert man nicht seine Stelle an der Universität. Solche drastischen Eingriffe in die Arbeit von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern haben sich – soweit ich weiß – nicht ereignet. Wir sollten deshalb im Falle Ungarns differenzieren und es klar von akademischen Systemen außer­halb der EU, wo Wissenschaftsfreiheit ebenfalls unter Beschuss geraten ist, abgrenzen, zum Bei­spiel von der Türkei. Auf individueller Ebene sind mir keine derartigen Fälle direkter Repressionen bekannt. Was jedoch die Freiheit und Unabhängigkeit von Institutionen anbelangt, so könnte die politisch forcierte Unterminierung von Wissenschaftsfreiheit in Ungarn deutlicher nicht sein, ob das nun die Einmischung in interne Universitätsangelegenheiten, die Besetzung von Hochschulleitungen oder die Lex CEU betrifft.

Die Lex CEU hat weltweit viel Aufsehen erregt. Wie erklären Sie sich diese außer- gewöhnlich hohe Unterstützung, die die Universität erfahren hat?

ZE: Die CEU ist eine US­-registrierte Institution in der Europäischen Union. Die Universität ist sowohl im Staat New York als auch in Ungarn akkreditiert. Wir unterrichten Studieren­de und beschäftigen Professorinnen und Professoren aus mehr als hundert Ländern. Aber ich denke nicht, dass die institutionelle Zusammensetzung unserer Universität die enorme internationale Unterstützung erklärt, die wir in der öffentlichen Reaktion auf die Lex CEU erhalten haben. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf der ganzen Welt sind sehr gut vernetzt und teilen eine große Solidarität über politische und ideologische Grenzen hinweg, wenn die Wissenschaftsfreiheit auf dem Spiel steht. Die Lex CEU war trotz des juristischen Anliegens ganz offen­sichtlich politisch motiviert, und es kommt eben heutzutage nicht allzu oft vor, dass eine Regierung eine Universität aus politischen Gründen attackiert, besonders nicht innerhalb der Europäischen Union. Der Umstand, dass die Gesetzesänderung mit sehr knappen Fristen versehen war, innerhalb derer es für die Universität unmöglich wurde, die neuen Bedingungen zu erfüllen, ließ den Vorgang noch dramatischer erscheinen als viele andere Dinge, die in Ungarn passieren. Als jemand, der an der CEU arbeitet, bin ich zutiefst beeindruckt von der klaren Zurückweisung der Lex CEU durch die Öffentlichkeit. Aber man darf den Fall nicht isoliert betrachten. Ich denke persönlich, dass die gegenwärtigen Transformationen der ungarischen Verfassungsordnung noch viel dramatischer sind als der Fall CEU. Die Affäre um unsere Universität ist natürlich ein eindeutiger Verstoß gegen die Wissenschaftsfreiheit in Ungarn und in der EU, aber es gibt politische Dynamiken im Land, die sogar noch mehr Aufmerksamkeit verdienen. Vielleicht stand die CEU auch deshalb so sehr im Mittelpunkt, weil die unmöglichen Fristen den Fall eben besonders sichtbar machten. Die Demokratie in Ungarn sieht sich mit ernsthaften Herausforderungen konfrontiert, aber dies ist ein langer und komplexer Prozess. Die Hochschulgesetzesänderung ist hingegen ein greifbarer Fall und betrifft die Wissenschaftsgemeinschaft insgesamt. Die CEU ist eine Institution, die aufhört, eine Institution in Ungarn zu sein, wenn sie die Frist des neuen Gesetzes nicht einhalten kann. Diese juristische Konstellation erzeugte eine besondere Wirkung, die mehr Aufmerksamkeit auf sich zog als andere Entwicklungen.

 

„Was in Ungarn geschieht, ist Teil der Auseinandersetzungen um die Zukunft der Demokratie, wie wir sie kennen.“    Zsolt Enyedi

 

Das heißt, die Bedrohung von Wissenschaftsfreiheit hat unter Umständen das Potential, weltweit mehr Solidarität zu erzeugen als andere, vielleicht noch dringendere Sorgen um den Zustand der Demokratie?

ZE: Ja, denn in freiheitlich organisierten Gesellschaften bleibt die Wissenschaftsfreiheit als ein Kernelement der Demokratie über das gesamte politische Spektrum hinweg unangefochten. Wenn man hingegen schaut, wie ein Staat sein Verhältnis zur Kirche definiert oder wie man etwa den Konflikt zwischen dem Recht auf Privatsphäre und öffentlicher Sicherheit löst, so entsteht ein Raum verschiedener legitimer Interpretationen. Unterschiedliche Länder gehen mit diesen Fragen unterschiedlich um. Anders verhält es sich mit dem Wert der Wissenschaftsfreiheit. Er bleibt ohne große Debatte von den verschiedenen politischen Fraktionen und über nationale Grenzen hinweg anerkannt.

Wie lässt sich erklären, dass sich verschiedene Gesellschaften mit dem Wert der Wissenschaftsfreiheit über Ländergrenzen hinweg identifizieren?

AJ: Ich denke, dafür gibt es zwei Gründe. Einerseits werden Universitäten in vielen Gesellschaften als sicherer Hafen für kritisches und offenes Denken angesehen. Wenn also Politik oder gar Parteipolitik die Unabhängigkeit der Verfahren und Institutionen eines Landes unter­ gräbt, ist das schlimm genug. Wenn aber so ein sicherer und heiliger Ort des freien Denkens direkt angegriffen wird, wenn also eine Universität politisch unter Druck gesetzt wird, ist die symbolische Wirkung und damit die internationale Wahrnehmung um vieles stärker. Andererseits, um zu dem Beispiel der CEU zurückzukommen, stelle ich als Jurist fest, dass die Lex CEU ganz offen­sichtlich verfassungswidrig ist, weshalb ich und drei weitere Kollegen einen Amicus­-Curiae-­Brief verfasst und an das ungarische Verfassungsgericht geschickt haben. Dabei haben wir noch gar nicht von internationalen Menschenrechtskonventionen und europäischen Rechtsnormen gesprochen, gegen die die Lex CEU ebenfalls verstößt. Es war also auch die offensichtliche Rechtswidrigkeit der Hochschulgesetzänderung, die zu einem internationalen Aufschrei geführt hat.

Sind die Vorgänge in Ungarn eine lokale Angelegenheit?

ZE: Ich denke, es handelt sich um ein globales Problem. Was in Ungarn geschieht, ist Teil der Auseinandersetzungen um die Zukunft der Demokratie, wie wir sie kennen. Die ungarische Regierung sieht sich als Spitze einer Bewegung, die von vielen als Rückschlag gegen verfassungsmäßiges Recht und Gewaltenteilung, aber auch gegen die europäische Integration gesehen wird. Die Regierung positioniert sich gern in führender Rolle im nationalistischen und autoritären Lager und scheint damit im Einklang mit gegenwärtigen Entwicklungen an anderen Orten Europas zu sein – in Ost und West! Darüber hinaus gibt es einen weiteren Aspekt. Viktor Orbán spricht von einem „Kulturkampf“. Schaut man sich zum Bei­ spiel die Berichterstattung der ungarischen Presse zur Lex CEU an, so zielt ein Großteil der Artikel auf das Gender Studies Department der CEU ab. Es handelt sich um ein kleines Department, dessen wissenschaftliche Arbeit sich nicht großartig unterscheidet von dem, was an anderen Universitäten erforscht und gelehrt wird, aber es wird ihm vorgeworfen, eine Art von Wertesystem zu propagieren, das christliche Normen nicht akzeptiere und ein traditionelles Familienbild ablehne. Derartige Anschuldigungen rücken Wissenschaft in ein bestimmtes Licht, um kulturelle Fragen aufzuwerfen, die in vielen Ländern virulent sind. Die Regierung nutzt solche Anschwärzungen als politisches Signal, um zu zeigen, an welchem Ende des Spektrums sie steht.

Welche Rolle spielt dabei die Wissenschaftsfreiheit?

ZE: Sie schafft Raum für die Diskussion und verschiedene Positionen, die auf empirischer Evidenz und kritischem Denken basieren und nicht auf politischen Meinungen oder den Interessen einzelner Gruppen. Wenn eine Regierung einen Diskurs unterstützt, der darauf abzielt, Wissenschaft zu politisieren und eine bestimmte Forschung und Lehre als moralisch inakzeptabel abzustempeln, dann ist das eine Gefahr für die Freiheit der Wissenschaft.

AJ: Der Fall CEU ist eine Affäre internationalen Ausmaßes aufgrund seines symbolischen Charakters. Die Wissenschaftsfreiheit funktioniert ähnlich wie gesellschaftliche Tabus. Bricht man mit einem Tabu an einem Ort, wird es gleichzeitig auch anderswo geschwächt. Wenn in Ungarn eine Regierung gegen die Wissenschaftsfreiheit verstößt, wie im Fall Lex CEU, macht man sich zu Recht über die Freiheiten der Wissenschaften überall in Europa Sorgen. Denn wenn so etwas in einem Land passiert, dann droht auch die Wissenschaftsfreiheit an anderen Orten der Wissenschaftsgemeinschaft zu erodieren.

Wurde die CEU also auch zu einer Projektionsfläche für die Sorgen und Befürchtungen in der europäischen beziehungsweise westlichen Wissenschaftswelt?

AJ: Das stimmt sicherlich im internationalen Rahmen. Aber auch in Ungarn wurden wir Zeugen großer Proteste für den Erhalt der CEU. Die meisten Demonstrierenden hatten bis dahin wenig mit dieser Universität zu tun. Sie protestierten, weil sie das symbolische Wesen dieses Angriffs auf eine Universität spürten und damit die möglichen Konsequenzen für sich selbst erkannten. Aufgrund ihres Symbolwerts fühlt sich die gesamte Wissenschaftsgemeinde angesprochen, wenn Wissenschaftsfreiheit in Gefahr gerät.

Die CEU wird nicht müde zu betonen, dass die Universität ein Ort des Lernens, des freien und kritischen Forschens ist und nicht eine politische Organisation, weder ein Think- tank noch eine NGO. Dennoch existiert die allgemeine Erwartung, dass die Mitglieder der Wissenschaftsgemeinde für ihr Recht auf Wissenschaftsfreiheit einstehen. Wie politisch muss Wissenschaft sein, damit sie frei bleibt?

ZE: Wenn man nicht für seine Rechte ein­ steht, muss man sich nicht wundern, wenn sie einem genommen werden. Jeder gesellschaftliche Sektor wird verständlicherweise gegen diskriminierende Regularien und rechtliche Verfahren protestieren, welche die Existenz einer Institution bedrohen. Dennoch hat die CEU von Anfang an die Zusammenarbeit mit den Behörden gesucht und zu Verhandlungen aufgerufen, um die Krise, die durch die Hochschulgesetzesänderung ein­getreten war, gemeinsam mit Regierungsvertretern zu lösen. Die Universitätsleitung hat sich bewusst dazu entschieden, keine Demonstrationen zu organisieren oder institutionell zu unterstützen, um die Regierung nicht zu provozieren. Die Proteste, die im April 2017 die Menschen auf die Straße brachten, wurden von anderen ungarischen Universitäten aus Solidarität organisiert. Die Menschen in Budapest und anderen Universitätsstädten bewiesen eine unglaubliche Sensibilität für die Fragen der Wissenschaftsfreiheit. Der Slogan der Demonstrierenden lautete: „Freies Land – freie Universität“, gerufen von zehntausenden, darunter Menschen, die teilweise selbst keine Universität besucht hatten, beziehungsweise von Schülern, die ein Studium noch vor sich haben. Es war klar, dass das Engagement für Wissenschaftsfreiheit ein Bekenntnis zur Freiheit an sich ist.

AJ: Der Einsatz für Wissenschaftsfreiheit ist ein politisches Statement, das darauf abzielt, dass wissenschaftliche Positionen frei diskutiert werden können. Dies heißt allerdings nicht, dass man eine politische Agenda oder partei­politische Ambitionen hat. Das ist eine wichtige Unterscheidung.

Inwiefern ist die Politisierung der Wissenschaft eine Bedrohung für die Wissenschaftsfreiheit?

ZE: Wenn Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf Grundlage ihrer Forschung Erkenntnisse zu politischen Diskussionen beitragen, dann riskieren sie, dass sich Teile der Gesellschaft von ihnen entfremden, wenn ihre wissenschaftlichen Schlussfolgerungen nicht mit deren politischen Meinungen kompatibel sind. Ein offensichtliches Beispiel ist die Ungarische Akademie der Wissenschaften, die immer wieder bestimmte Mythen über die ungarische Geschichte oder Sprache zurückweist, die sich großer Popularität bei der extremen Rechte erfreuen. Im Resultat sieht sich die Akademie mit Angriffen konfrontiert, die ihre Mitglieder als „linke“ oder „antinationale“ Akteure, die sich hinter wissenschaftlichen Methoden versteckten, stigmatisieren und dagegen eine Akademie fordern, die sich eher nach den Bedürfnissen der Menschen richte.

Wenn solche Debatten fortfahren, dann wird die Akademie in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit in die linksliberale Ecke gestellt, ob sie will oder nicht, und die gesellschaftliche Autorität der Wissenschaft und der gesamten akademischen Welt wird durch Politisierung in Mitleidenschaft gezogen. In der Konsequenz sehen sich einige Menschen dazu berechtigt, wissenschaftliche Befunde, wie zum Beispiel Fragen der Evolution, infrage zu stellen. Das ist gefährlich. Politiker sollten akademische Institutionen nicht in politische Auseinandersetzungen verwickeln, doch wenn dies geschieht, dann haben Akademiker keine andere Wahl, als an empirischer Evidenz und wissenschaftlicher Erkenntnis festzuhalten. Die aktuelle Kontroverse um die Akademie zeigt noch ein anderes Muster der Politisierung: Die Regierung hat unlängst einen Plan vorgelegt, der das Budget der Akademie drastisch kürzt und das Geld in ein neu gegründetes Ministerium für Innovation und Technologie umleitet. Dem Präsidenten der Akademie der Wissenschaften wurde weniger als eine Stunde Zeit gegeben, um den Entwurf zu lesen und dazu Stellung zu nehmen.

 

„Es bedarf einer unabhängigen Instanz, die Fakten qualifizieren kann“   András Jakab

 

Parallel dazu veröffentlichte eine regierungsnahe Wochenzeitschrift eine Liste mit Akademiemitgliedern, die zu Themen arbeiten, für die es angeblich keinen eigentlichen gesellschaftlichen Nutzen gebe, zum Beispiel Forschungen zu Minderheiten wie die Roma, Genderfragen oder Fremdenfeindlichkeit. Es heißt, die Regierung möchte Forschungsfinanzierung umstrukturieren, um Innovation und die Interessen der Industrie besser fördern zu können, aber selbst derartige wissenschaftspolitische Entscheidungen sind in einer Art Kulturkampfrhetorik verpackt.*

Ein gesellschaftlicher Diskurs, der an den Grundlagen von Evidenz und Fakten rüttelt und die Rolle der Wissenschaft insgesamt relativiert, stellt eine ganz andere Form der Bedrohung von Wissenschaftsfreiheit dar als die direkte Intervention in institutionelle Autonomie beziehungsweise Forschung und Lehre. Was bedeutet dies auf lange Sicht für die Gesellschaft?

AJ: Wenn man behauptet, wissenschaftliche Institutionen seien politisch voreingenommen und wenn man sagt, dass man sie deshalb nicht ernst nehmen müsse, dann stellt man die epistemologische Grundlage der Demokratie infrage.

Was ist Wissenschaftsfreiheit im Zeitalter von Fake News wert?

ZE: Es steht mehr auf dem Spiel als sonst. Das Vertrauen in die Wissenschaft und in evidenzbasierte Forschung sowie eine Debattenkultur, in der man sein Gegenüber ernst nimmt und dessen Würde respektiert – all diese Dinge wurden bis vor Kurzem als gegeben angenommen. Heute aber, da man mit einem Tweet nicht nur seinen Gegner erniedrigen und beleidigen, sondern auch Fakten negieren und Menschen an eine „alternative Realität“ glauben lassen kann, ist es umso wichtiger, für eine Argumentation einzutreten, die den Unterschied zwischen Fakten und Nicht­-Fakten klarmacht. In dieser Situation ist die Relevanz von Wissenschaftsfreiheit akuter denn je.

Weil die gesellschaftliche Anerkennung der Freiheit und Unabhängigkeit der Wissenschaften den Status von Fakten und Wissen garantiert?

AJ: Bei der Masse an Informationen, zu denen man heute Zugang hat, bedarf es einer anerkannten, unabhängigen Instanz, die Fakten überprüfen und qualifizieren kann, um sie von politischen Meinungen zu unterscheiden. Universitäten leisten dazu einen wesentlichen Beitrag. Aber sie können diese Funktion nur erfüllen, wenn sie in den vollen Genuss der Wissenschaftsfreiheit kommen.

 

* Über die Lage der Wissenschaften in Ungarn und insbesondere über die Akademie der Wissenschaften berichtete die Fachzeitschrift „Nature“ in einem Redaktionsbeitrag vom 26. Juni 2018.

András Jakab ist Professor für Verfassungs- und Verwaltungsrecht an der Universität Salzburg. Von 2013 bis 2017 war er Direktor des Rechtswissenschaftlichen Instituts der Ungarischen Akademie der Wissenschaften.

Zsolt Enyedi ist Professor für Politikwissenschaften und Prorektor für ungarische Angelegenheiten an der Central European University Budapest.

Jan Hennings ist Associate Professor für Geschichte an der Central European University Budapest und seit 2016 Mitglied der Jungen Akademie.

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen