Man muss nicht nur frei forschen dürfen, sondern auch können – Fabian Schmidt

Man muss nicht nur frei forschen dürfen, sondern auch können – Fabian Schmidt

Auch in Deutschland ist die Freiheit der Wissenschaft verbesserungsfähig: durch langfristige Perspektiven, vernünftige Visa-­Erteilung für ausländische Forschende – und indem wir neu darüber nachdenken, wie wir Ergebnisse bewerten

In Deutschland ist die Wissenschaftsfreiheit in den Statuten der Forschungsorganisationen verankert und daher in der Theorie gesichert. Und doch erzeugt die immer länger werdende Karrierephase, die Forschende mit befristeten Verträgen verbringen, zusammen mit dem damit verbundenen Flaschenhals beim Übergang auf permanente Stellen bei jungen Forschenden für einen Druck, der ungewöhnliche, riskante oder auch einfach nur ambitionierte Projekte unterbinden kann.

Viele Vorhaben lassen sich nur über Projektanträge für Drittmittel realisieren. Diese Anträge werden vom Fachkollegium begutachtet. Hier haben riskante oder ungewöhnliche Projektvorschläge unter Umständen einen Nachteil. Stellen wir uns vor, ein Forscher beantragt Mittel, um eine neue physikalische Theorie zu testen, die alle astronomischen Hinweise auf dunkle Materie erklärt, ohne „dunkle Materie“ zu benötigen. Der Großteil der Fachleute wird vermuten, dass diese Theorie sich als nicht haltbar herausstellen wird, und könnte deshalb unter Umständen verleitet sein, das Projekt als „riskant“ einzustufen. Dieser Beurteilung liegt zugrunde, dass ein solches negatives Resultat (was in der Tat nicht unwahrscheinlich ist, da sich an diesem Problem schon viele kluge Köpfe versucht haben) keinen Erfolg darstellt. Dies ist aber natürlich ein Trugschluss. Denn die Falsifizierung einer Theorie stellt zweifellos einen wissenschaftlichen Fortschritt dar. In der Tat würde es der Wissenschaft nicht gut tun, wenn wir Forschungsarbeiten dieser Art unter­binden würden.

Natürlich ist allen KollegInnen diese Tatsache klar. Nur kann es trotzdem zu einem impliziten Bias kommen, wenn verschiedene Anträge verglichen werden, zum Beispiel mit solchen, die eine „garantierte Entdeckung“ versprechen. Deshalb ist es wichtig, dass die Gemeinschaft der Forschenden den vermeintlich weniger interessanten „negativen“ Resultaten die Bedeutung bei­misst, die ihnen im Gebäude der Wissenschaften zusteht.

"Kurzfristige Forschungsförderung tendiert dazu, die weniger ambitionierten Projekte zu bevorzugen"

Ein anderer Aspekt ist die Dauer der Forschungsförderung sowohl von Drittmitteln im Allgemeinen als auch von Forschungsstellen für den wissenschaftlichen Nachwuchs im Besonderen. Beide sind meistens auf drei Jahre oder weniger befristet. Für ein ambitioniertes Projekt kann dies durchaus knapp sein. Da der Erfolg der Forschung an Publikationen gemessen wird, eignet sich diese Förderung daher eigentlich nur für Projekte, die innerhalb dieser Zeitspanne garantiert zu Publikationen führen. Eine Nachwuchswissenschaftlerin, deren Stelle nach drei Jahren ausläuft und die keine Publikation innerhalb dieser Zeit vorweisen kann, wird es schwer haben, eine Anschlussbeschäftigung zu finden – auch wenn es wahrscheinlich wäre, dass sie nach nur einem weiteren Jahr einen großen Durchbruch vorweisen könnte. Eine Förderung mit einem Zeithorizont von fünf Jahren kann daher einen großen Unterschied machen.

Natürlich ist die Lage in der Realität wiederum nicht ganz so schwarz­-weiß. Oft kann man Projekte in Etappen aufteilen und Zwischenergebnisse publizieren. Trotzdem tendiert kurzfristige Forschungsförderung dazu, die weniger ambitionierten, inkrementellen statt revolutionären Projekte zu bevorzugen.

„Forschende aus Iran und China müssen immer wieder lange warten, bevor sie ein Visum für Deutschland bekommen"

Ein weiteres, wenig diskutiertes Hindernis für die Wissenschaftsfreiheit in Deutschland ist die Reisefreiheit. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass bei Konferenzen in Deutschland regelmäßig ein oder mehr TeilnehmerInnen wegen Visaproblemen absagen müssen. Es ist eindeutig, dass dies der Wissenschaft schadet. Vor allem Forschende aus Iran und China müssen immer wieder lange warten, bevor sie ein Visum für Deutschland bekommen – auch wenn sie eine schriftliche Einladung eines Forschungsinstituts in Deutschland vorweisen können. Oft verstreichen Monate, bis Antragsteller benachrichtigt werden, und der Ausgang des Verfahrens ist ungewiss. Es ist wichtig, dass wir uns bewusst werden, dass dies nicht nur ein „iranisches“ oder "chinesisches“ Problem ist, sondern auch die Forschung in Deutschland darunter leidet.

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