Forschungsfreiheiten – Cornelis Menke

Forschungsfreiheiten – Cornelis Menke

Es ist vor allem die individuelle Forschungsfreiheit, die den Fortschritt der Wissenschaft ermöglicht. Und doch verlangt der wissenschaftliche Fortschritt zugleich, die Forschungsfreiheit einzelner auch einzuschränken.

„Wissenschaftsfreiheit“ bezeichnet nicht einen Wert, sondern mehrere, die sich zudem oft selbst im Wege stehen. Dies gilt auch dann, wenn man von der Lehr­- und der Lernfreiheit einmal absieht und allein die Forschungsfreiheit betrachtet – der Ausdruck „libertas philosophandi“, auf den der moderne Begriff zurück­ geht und der sich bis ins 17. Jahrhundert zurückverfolgen lässt, bezeichnete seit jeher verschiedene Freiheiten. Die Forschungsfreiheit kann man nach verschiedenen Aspekten spezifizieren: Wem soll Forschungsfreiheit eingeräumt werden – der einzelnen Forscherin? Arbeitsgruppen? Organisationen? „Der Wissenschaft“? Welche Handlungen oder Entscheidungen sollen geschützt (oder unterstützt) werden – die Wahl von Themen? Von Forschungsansätzen? Von Theorien? Von Publikationsorten? Worin soll der Schutz oder die Unterstützung bestehen – in beruflicher Sicherheit (tenure)? In finanzieller Ausstattung?

Der Wert der einzelnen Arten von Forschungsfreiheit hängt nicht zuletzt an der Antwort auf die Frage, wozu – welchem Ziel – Forschungsfreiheiten dienen sollen. Der Wissenschaftsphilosoph Torsten Wilholt hat drei Grundformen von Antworten unterschieden: Freiheit der Forschung lässt sich einmal als ein menschliches Grundrecht verstehen, weiterhin als konstitutiv für den Fortschritt der Wissenschaft und schließlich als Schutz der Wissenschaft vor politischer Einflussnahme. Offenkundig können diese Ziele im Konflikt stehen, und sie begründen jeweils verschiedene Formen von Forschungsfreiheit.

Für die Wissenschaftsphilosophie zentral ist besonders das zweite Ziel, das des Fortschritts der Wissenschaft. Die Art von Forschungsfreiheit, die dieses Ziel begründet, wird meist verstanden als das Recht einzelner Forscherinnen und Forscher, ihre Forschungsprobleme und ­methoden frei zu wählen. Dem Fortschritt der Wissenschaft dient dies aus mehreren Gründen: Die individuelle Wahl von Problemen und Methoden sichert erstens die Diversität von Forschungsansätzen, die allgemein offenen Fragen angemessen ist; sie schützt zweitens gerade abweichende und originelle Ansätze; drittens trägt sie der Tatsache Rechnung, dass das Wissen darum, welche Probleme wichtig und welche Forschungsansätze fruchtbar und erfolgsversprechend sind, in der wissenschaftlichen Gemeinschaft nur verteilt vorhanden ist. Individuelle Forschungsfreiheit sei, so schrieb der Philosoph Michael Polanyi in „the Republic of Science“, wesentlich für die für die wissenschaftliche Gemeinschaft charakteristische Form der Kooperation: „Scientists, freely making their own choice of problems and pursuing them in the light of their own personal judgment are in fact cooperating as members of a closely knit organisation.“

 

"Ressourcenintensive Forschungsvor­haben stehen in Konkurrenz zueinander und verlangen oft eine vergleichende Beurteilung ihrer Originalität und Fruchtbarkeit durch Dritte"

Aber auch wenn die durch das Ziel des Fortschritts der Wissenschaft begründete Art der Forschungsfreiheit zurecht in erster Linie als das Recht einzelner verstanden wird, kann dies nicht die ganze Geschichte sein. Die Auffassung als Recht einzelner stößt an Grenzen, wo die Diversität, Originalität und Fruchtbarkeit von Forschungsansätzen nicht allein auf der Ebene einzelner Forscherinnen und Forscher befördert werden kann.

Forschungsvorhaben, die Arbeitsgruppen oder sogar größere Verbünde erfordern, schränken die individuellen Freiheiten wenigstens teilweise ein. Ressourcenintensive Forschungsvor­haben stehen in Konkurrenz zueinander und verlangen oft eine vergleichende Beurteilung ihrer Originalität und Fruchtbarkeit durch Dritte, sodass die Freiheit weniger dem oder der einzelnen als Vertretern der wissenschaftlichen Fach­gemeinschaft zukommt. Bei – kleinen wie großen – Forschungsvorhaben zwischen Disziplinen und bei neuen Forschungsfeldern können auch Fachgemeinschaften konservativ wirken, und zumal Entscheidungen über die Etablierung neuer Felder – eine der wichtigsten Entscheidungen für die Entfaltung der Wissenschaft – können schließlich nur auf der Ebene von Organisationen getroffen werden. Die sogenannten „wissenschaftlichen“ Gründe – auch der Verweis auf „wissenschaftliche Exzellenz“ – können diese Entscheidungen nicht eindeutig bestimmen, denn die Frage, auf welchen Feldern Forschung betrieben werden soll, ist keine rein wissenschaftliche.

Von der Freiheit der Forschung als einer Freiheit der Wissenschaft zu sprechen, verdeckt diese Unterschiede: Insofern die Freiheit der Forschung dem Ziel der Entfaltung der Wissenschaft dient, ist diese nicht allein durch äußere Ein­flussnahmen eingeschränkt, sondern auch durch Formen der Forschungsorganisation, die nicht forschungsdienlich sind – bedenkt man die Vielfalt der Wissenschaften, wird deutlich, dass die Frage, wem welche Form von Forschungsfreiheit zugestanden werden solle, nicht eine einzige Antwort haben kann.

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