Wir sollten mehr flanieren, pilgern, beobachten – Evelyn Runge

Wir sollten mehr flanieren, pilgern, beobachten – Evelyn Runge

„Like a bird on the wire / like a drunk in a midnight choir / I tried in my way to be free –“      Leonard Cohen

Ich bin derzeit mit einem Forschungsstipendium an der Martin Buber Society of Fellows in the Humanities and Social Sciences an der Hebrew University of Jerusalem in Israel tätig, das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung mitfinanziert wird. Vier Jahre lang kann ich die Freiheit genießen, an meinem Forschungsprojekt „Image Capture. The Production Conditions of Photo­Journalists in the Digital Age“ zu schreiben. Mit etwa 25 weiteren Fellows aus den Geistes­ und Sozialwissenschaften – Historiker_innen, Kultur-­, Sozial­- und Medizinanthropolog_innen, Religionswissenschaftler_innen, Literaturwissenschaftler_innen, Linguist_innen, Sanskrit­Forscher_innen und vielen anderen Disziplinen – erlebe ich täglich erfrischenden interdisziplinären und internationalen Dialog. Wir sind im allerbesten Sinne frei in unserer Forschung.

"Das Gegengewicht zu Freiheit in der Wissenschaft ist eine zunehmende Selbstbeobachtung und strategische Ausrichtung der eigenen Leistungen an Metriken"

Und dennoch fällt bei Gesprächen immer wieder eines auf: die Angst, nicht genug oder eventuell in Journals zu publizieren, die nicht zu den allerhöchstgerankten zählen – und damit seine Chance auf eine Lebensstelle in der Wissenschaft zu verspielen. Das Gegengewicht zu Freiheit in der Wissenschaft ist eine zunehmende Selbstbeobachtung und strategische Ausrichtung der eigenen Leistungen an Metriken: Jede Publikation, jeder Auftritt auf einer Konferenz oder vor nicht­wissenschaftlichem Publikum, jede Einwerbung von Drittmitteln ist eine neue Zeile in unserem CV wert.

Hat der persönliche Twitter­-Account neue Follower gewonnen? Sollte nicht regelmäßig eine neue Erkenntnis im Blogformat erscheinen? Und – natürlich – alles ganz neu und cutting edge sein?

Ein kluger Kollege sagte: „Start dreaming!“ Und er hat recht: Das Träumen darf nicht verloren gehen bei all dem Stress, (oft ungeschriebene) Vorgaben zu erfüllen. Das Träumen und die Freiheit der Gedanken sind die Voraussetzung zur Freiheit in der Wissenschaft. Statt am Computer zu sitzen, sollten wir viel öfter den Schreibtisch verlassen, flanieren, pilgern, beobachten – und dem Beginn der Träume viele weitere folgen lassen.

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