Editorial zur Ausgabe 25 – Miriam Akkermann und Caspar Battegay

Editorial zur Ausgabe 25 – Miriam Akkermann und Caspar Battegay

Einladung zur Freiheit

„Wenn man nicht für seine Rechte einsteht, muss man sich nicht wundern, wenn sie einem genommen werden.“ Zsolt Enyedi, Professor für Politikwissenschaften und Prorektor für ungarische Angelegenheiten an der Central European University Buda­pest, macht diese Aussage in einem Interview, das der Historiker Jan Hennings mit ihm geführt hat. Unser neues Heft ist keine Kampfansage. Aber es möchte aus verschiedenen Perspektiven auf grundsätzliche Bedingungen unserer Arbeit – des Forschens und Lehrens an Hochschulen – und auf die gegenwärtigen Gefährdungen dieser Arbeit aufmerksam machen. Wir möchten Sie mit diesem Heft also dazu einladen, über etwas nachzudenken, das wir alle anstreben, das aber schwierig zu definieren ist: Freiheit. Dazu haben wir nicht nur Texte zusammengestellt, sondern auch das vorliegende Journal der Jungen Akademie etwas freier als anhim gestaltet.

"Wissenschaft bleibt immer bis zu einem gewissen Grad von Widerspruch geprägt."

Für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind der Aufbruch zu neuen Gebieten, die Begeisterung für einen neuen Gedanken, Neugier und Leidenschaft zentral. Wissenschaft basiert zunächst auf der inneren Freiheit, jede Erkenntnis in Frage zu stellen – also auf der Freiheit, Fragen zu stellen. Doch diese innere Freiheit benötigt eine äußere, durchaus konkrete Freiheit: Politische und ökonomische Stabilität sowie die Garantie, Thesen und Erkenntnisse ungehindert publizieren und öffentlich diskutieren zu können. Wissenschaft bleibt darum immer bis zu einem gewissen Grad von Widerspruch geprägt. Auch gibt es ganz unterschiedliche ethische Grenzen von Wissenschaft, die nicht nur in der Wissenschaft selbst, sondern politisch, juristisch und gesamtgesellschaftlich verhandelt und festgelegt werden.

Wir haben uns daher gefragt, was mit Wissenschaftsfreiheit im konkreten Fall in den unterschiedlichen Disziplinen gemeint ist. So fragt der forschende Arzt Alkomiet Hasan, wie die Arbeit in der medizinischen Patientenversorgung und die freie klinische Forschung an deutschen Universitätskliniken miteinander vereinbar sind und welche Regeln dafür gelten müssen.

In Deutschland ist die Freiheit von Forschung und Lehre ebenso wie in anderen westlichen Ländern explizit festgeschrieben, und zwar im Artikel 5 des Grundgesetzes. Wie sehr jedoch die bedingte Autonomie der Universitäten sowie die Freiheit der Wissenschaft historisch gewachsene Konzepte sind, beschreibt der Literaturwissenschaftler Michael Bies in seiner ideengeschichtlichen Analyse des Verständnisses von Wissenschaftsfreiheit. 

"Neben ideologischen und machtpolitischen Grabenkämpfen im Westen darf nicht vergessen werden, dass Zensur und brutale Verfolgung auch im 21. Jahrhundert an vielen Orten der Welt an der Tagesordnung sind."

Dass wir überhaupt nach der Geschichte der Freiheit fragen, liegt an der Krise dieses Begriffs: Seit einigen Jahren stehen Universitäten in der Kritik oder sollen verkleinert werden, Forschungszweige werden politisch ausgehebelt und wissenschaftliche Erkenntnisse werden als bloße Meinungen dargestellt. Gleichzeitig werden einzelne Forschungsbereiche medienwirksam als politisch geprägt hervorgehoben.

Neben diesen ideologischen und machtpolitischen Grabenkämpfen im Westen darf nicht vergessen werden, dass Zensur und brutale Verfolgung auch im 21. Jahrhundert an vielen Orten der Welt an der Tagesordnung sind. Dies wirkt sich zum Teil direkt auf das wissenschaftliche Arbeiten aus. Als Beispiel seien die internationalen Verlage Cambridge University Press und Springer genannt, die in China den Onlinezugriff auf politisch als heikel befundene Aufsätze auf Anfrage der chinesischen Regierung unmöglich gemacht haben – was (im Westen) zu Protesten geführt hat. In der Türkei haben seit dem Putschversuch 2016 tausende Akademikerinnen und Akademiker ihre Stelle an den Universitäten verloren oder wurden mit vorgeschobenen Gründen verhaftet. Die türkische Medienwissenschaftlerin Eylem Çamuroğlu Çığ berichtet davon, was es für Institutionen und Individuen bedeutet, wenn die akademische Freiheit von den Machthabern für nichtig erklärt wird.

Soll die Wissenschaft auf politische Ereignisse überhaupt reagieren?

Wie wir als Wissenschaftler*innen auf solche Ereignisse reagieren – und ob darauf überhaupt sinnvoll reagiert werden kann – ist auch innerhalb der sogenannten Scientific Community umstritten. Denn gesellschaftliche Verwerfungen und politische Frontstellungen machen nicht halt vor den Türen der Universitäten. Politische Debatten werden mit aller Gewalt auch auf dem Campus geführt. Als Beispiel kann der von verschiedenen Organisationen und Persönlichkeiten geforderte Boykott gegen israelische Forschungseinrichtungen genannt werden, unter anderem mit der Begründung, dass Israel die Wissenschaftsfreiheit der Palästinenser einschränken würde. Diese Forderung war in Großbritannien und den USA teilweise erfolgreich. So nahm die britische National Association of Teachers in Further and Higher Education 2006 einen Antrag an, alle israelischen Wissenschaftler zu boykottieren, die sich nicht ausdrücklich gegen ihre Regierung stellen. Dieser Beschluss wurde in Großbritannien selber hart kritisiert – und später auch wieder aufgehoben. In solchen Auseinandersetzungen wird der Begriff der Wissenschaftsfreiheit als Kampf­begriff eingesetzt, mit dem jeweils für gegensätzliche Positionen argumentiert werden kann.

Dies führte auch dazu, dass innerhalb der Jungen Akademie diskutiert wurde, ob die Wissenschaft auf politische Ereignisse überhaupt reagieren soll. Zu den Fragen, wie politisch Wissenschaft sein kann und ob die Junge Akademie – eine Institution, die aus öffentlichen Geldern in Deutschland finanziert wird, sich überhaupt politisch äußern darf, soll oder sogar muss, gibt es auch in unseren Reihen unterschiedliche Ansichten. Die Ethnologin Silja Klepp, die sich selbst als scholar activist beschreibt, erzählt, wie politische Haltung und wissenschaftliches Arbeiten zusammengehen.

Wie sollte die Wissenschaft organisiert sein?

Freiheit war der Schlachtruf der Aufklärung und der Französischen Revolution. Als solcher war Freiheit von Anfang an mit der Entwicklung der modernen Wissenschaft und des modernen Wissenschaftssystems verbunden. Dieses System hat seine Stärken, aber auch seine Fehlanreize und Schwächen: Die Juristin Frauke Rostalski beschreibt, wie beispielsweise über das schwammige Kriterium der ‚Anschlussfähigkeit‘ zunehmend auch in Deutschland missliebige Meinungen aus dem Wissenschaftsbetrieb herausgehalten werden sollen und dabei Formen der Unfreiheit oder zumindest eine Homogenisierung erzeugt werden. In diesem Sinn müssen wohl gerade Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen am universellen Wert der Freiheit festhalten und sie immer wieder aufs Neue in unterschiedlichen Situationen einfordern. Dabei ist herauszufinden, was Freiheit heißen kann und wie wir mit ihr umgehen können, konkret: Wie die Wissenschaft organisiert werden soll. Diese Fragen thematisieren alle AutorInnen und Interviewpartner dieser Ausgabe.

Wir möchten uns an dieser Stelle für die spannende Zusammenarbeit bedanken, auch bei den bisher nicht genannten: Christoph Lundgreen, Cornelis Menke, Marko Kovic, Adrian Rauchfleisch, Christian Caspar, Anuscheh Farahat, Evelyn Runge und Fabian Schmidt.

Die Freiheit der Graphikerin Franziska Becker haben wir übrigens mit der Bedingung eingeschränkt, nur typographische Elemente und keine Bilder zu verwenden: Sie hat diese Aufgabe wunderbar elegant gelöst.

Und noch eine Freiheit haben wir uns herausgenommen: Die Frage des Genderns, also des geschlechterneutralen Sprachgebrauchs, nicht einheitlich vorzugeben. Wir haben dieses Mal unseren Autorinnen und Autoren die Freiheit belassen, diese Frage individuell für sich zu beantworten. In dieser Einleitung haben wir unterschiedliche Möglichkeiten ausprobiert. Nun hoffen wir, dass Sie einen freien Moment zur Lektüre finden – und dabei Neues erfahren, aber auch zum Widerspruch herausgefordert werden.

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