Bilder einer Revolution – Evelyn Runge

Bilder einer Revolution – Evelyn Runge

Wie Fotoreporterinnen und Fotoreporter in einer Revolution an Professionalität gewinnen, wenn sie aktiv die sozialen Medien bespielen

Photographed by Mosa’ab Elshamy: a scene in Cairo around noon on 27 July 2013 FOTO: STRINGER, PICTURE ALLIANCE/AA
Der Kopf des jungen Mannes lehnt ruhig an seiner Schulter. Mund und Augen sind geschlossen. Sein linkes Ohr, seine Stirn und Nase sind blutbedeckt. Er wird von zwei Männern getragen, der vordere bärtig, konzentriert, mit aufeinandergebissenen Zähnen. Der andere schreit, sein Mund ist weit aufgerissen, halb verdeckt von einem Mundschutz, die Augen sind zusammengekniffen. Er ist im Schock, offenbar ohne zu verstehen, dass er eine Leiche trägt.
Mosa’ab Elshamy hat diese Szene in Kairo fotografiert, am Mittag des 27. Julis 2013, nahe des Rabaa Al-Adawiya Squares. Sie war die Folge eines Gewaltausbruchs zwischen Sicherheitspersonal und Unterstützern des ehemaligen ägyptischen Präsidenten Mohammed Mursi. Das Bild wurde mit einem Award of Excellence des Wettbewerbs Picture of the Year International ausgezeichnet und gilt als eines der besten zehn Fotos 2013 des TIME Magazine.

Die arabische Revolution gilt als Social-Media-Revolution

Drei Jahre zuvor studierte Mosa’ab Elshamy noch Pharmazie. Nebenher bespielte er bereits einen Flickr-Auftritt. Doch die Aufnahmen waren eher der Familienfotografie und touristischen Postkartenoptik zuzuordnen. Erst der Arabische Frühling machte ihn zu einem Aktivisten und professionellen Fotojournalisten. Ab Februar 2011 fotografierte der damals 21-Jährige zunehmend die Proteste in Ägypten, zunächst aus der Vogelperspektive den Tahrir-Platz in Kairo, später vorwiegend Protestbanner und Demonstrierende. Seine Bildsprache entwickelte sich schnell in Richtung klassischer Reportagefotografie: dynamische Bildgestaltung, nah dran an den Menschen, subjektive Erzählhaltung und ein Fokus auf konfliktreiche Situationen mit größerem gesellschaftlichem Bezug. Heute arbeitet der 27-Jährige als Fotojournalist der Nachrichtenagentur AP.
Die Arabische Revolution gilt als Social-Media-Revolution. Bürgerinnen und Bürger protestierten und organisierten sich über Facebook, Twitter und andere Kanäle. Elshamys Werdegang steht auch für das Zusammenspiel von politischem visuellem Aktivismus auf Twitter und Flickr sowie dem Abdruck seiner Bilder in traditionellen Medienunternehmen – obwohl er durchaus eine Ausnahme ist und viele andere Aktivistinnen und Aktivisten keine vergleichbare Aufmerksamkeit erfuhren.
Ein wichtiger Aspekt seiner Karriere war, dass seine Fotos auf Twitter von Andy Carvin bemerkt wurden: Dieser berichtete aus den USA für das dortige National Public Radio über den Arabischen Frühling. Carvin selbst beschrieb sein Twitter-Netzwerk als „my editors, researchers & fact-checkers. You’re my news room“. Und dazu gehörte Mosa’ab Elshamy: Sein Twitter-Konto @mosaaberizing wurde für Carvin zu einer vertrauenswürdigen, alternativen Quelle. Carvin selbst kuratierte vermehrt, als dass er noch als klassischer Gatekeeper fungierte: Er filterte Nachrichten nicht mehr, sondern er wählte aus, und durch die Kuration war es immer noch möglich, seine Quellenauswahl  nachzuvollziehen – das ist ein entscheidender Unterschied zum herkömmlichen journalistischen Gatekeeper.

Medienunternehmen haben sich in den vergangenen Jahren zunehmend aus der Auslandsberichterstattung zurückgezogen

An Elshamy und Carvin zeigen sich folgende Aspekte, die (foto-)journalistische Berichterstattung aus Revolutions- und Krisengebieten des 21. Jahrhunderts auszeichnet: Da sich Medienunternehmen in den vergangenen Jahren zunehmend aus der Auslandsberichterstattung zurückgezogen haben und feste Fotokorrespondentinnen und -korrespondenten nicht üblich sind, wird der Bildbedarf durch lokale Kräfte gedeckt. Diese sogenannten Stringer verdienen oft weniger als festangestellte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und sind nicht unbedingt über die Medien, für die sie arbeiten, versichert: Risiken werden ausgelagert. Zudem sehen vor allem junge Menschen – digital natives – ihre Chance und nutzen die sozialen Netzwerke als Publikations- und Distributionswege für ihre Beobachtungen in Wort und Bild. Dabei verstehen sie sich eher als kritische Bürgerinnen und Bürger oder politische Aktivistinnen und Aktivisten denn als Journalistinnen und Journalisten.
Redaktionen und Nachrichtenportale gehen dazu über, Netzwerke und dezidiert bildfokussierte Plattformen wie Flickr, Instagram und Twitter als Quelle für Bildmaterial zu nutzen. Die Rollen der Journalistinnen und Journalisten sowie der Social-Media-Manager sind nicht mehr mit dem klassischen Begriff des Gatekeepers zu beschreiben, sondern vielmehr als Kuratorinnen und Kuratoren oder Gatewatcher.

Internationale Fotowettbewerbe können den Einstieg in den professionellen Fotojournalismus erleichtern

Screenshot of the Flickr account of Mosa'ab Elshamy
Nicht zuletzt fördern internationale Fotowettbewerbe wie der World Press Photo Award neue Talente, die sich durch fotografische Berichterstattung in Krisen hervorgetan haben. Diese Nobilitierung erleichtert den weiteren Einstieg in den professionellen Fotojournalismus. So auch bei Mosa’ab Elshamy: In einem Interview mit World Press Photo Award sagte er über den Arabischen Frühling: „We know the story…and it had personal effects on us as well.“ Und  er ist optimistisch über die Verbreitung von Fotos durch Social Media: Die Onlinepräsenz mache es langfristig möglich, dass jedes Bild „find [s] its way, and that has been the case for me“.
Evelyn Runge war von 2011 bis 2016 Mitglied der Jungen Akademie. Sie forscht an der Hebrew University of Jerusalem über die Produktionsbedingungen von Fotojournalistinnen und -journalisten.

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