Muss Forschung anschlussfähig sein? Frauke Rostalski

Muss Forschung anschlussfähig sein? Frauke Rostalski

In Ausschreibungstexten finden sich zunehmend Begriffe, die offenbar missliebige Meinungen aus dem Wissenschaftsbetrieb heraushalten sollen

Was Wissenschaftsfreiheit bedeutet, wird demjenigen klar werden, der es wagt, fernab der aus­getretenen Pfade anderer seinen Weg zu suchen. In den Worten Georg Christoph Lichtenbergs mag sich in ihm folgender Gedanke geformt haben: „Ich kann freilich nicht sagen, ob es besser wird, wenn es anders wird; aber so viel kann ich sagen, es muß anders werden, wenn es gut werden soll.“ Motiviert von einer Skepsis gegen­ über dem Althergebrachten bei gleichzeitiger Anerkennung der Leistungen anderer wird ein solcher Wissenschaftler in der Umsetzung seiner (neuen) Ideen unweigerlich Töne anschlagen, die nicht bei jedem auf Anklang stoßen. Dies kann zuletzt wenig verwundern, hätte sich doch ein gewisser wissenschaftlicher „Erkenntnisstand“ nicht manifestieren beziehungsweise unter Um­ständen lange halten können, wäre er mehr als vereinzelten Anfechtungen ausgesetzt gewesen. Angesichts der zu erwartenden Hindernisse kann daher der Gang außerhalb vorgefertigter Bahnen schnell beschwerlich, gar besonders steinig werden.

Trotz aller Unannehmlichkeiten möchten wir unserem aufgrund der Widerstände einer großen Zahl an Vertretern seiner Zunft gelegentlich klagenden Freigeist zurufen, er möge sich doch glücklich schätzen: Erst die Wissenschaftsfreiheit versetzt ihn in die Lage zu seiner kritischen Haltung gegenüber den Theorien und Gedanken anderer. In Deutschland findet dies sogar rechtliche Bestätigung, legitimiert die grundgesetzlich gewährleistete Wissenschaftsfreiheit des Art. 5 Abs. 3 GG gerade „keinen wissenschaftlichen Monismus bzw. keine entsprechend monistischen Geltungsansprüche einzelner wissenschaftlicher Ansätze oder Methoden“, wie es in einem aktuellen Kommentar zum Grundgesetz heißt.

"Ein munteres Streiten um richtige Lösungen"

So weit, so gut. In der Tat ist die Wissenschaftslandschaft – jedenfalls im Bereich der seitens der Autorin zu überblickenden Gefilde (insbesondere der Rechtswissenschaften) – durch ein munteres Streiten um richtige Lösungen gekennzeichnet. Gehört wird dabei grundsätzlich jeder, sodass auch unser Freigeist etwa in wissenschaftlichen Publikationen zu Wort kommen kann. Erste Schatten legen sich gleichwohl über diese Situation, wenn der Blick auf ein in den Rechtswissenschaften verbreitetes Phänomen fällt, wonach die Qualität von Theorien von der Zahl ihrer Anhänger abhängig gemacht wird. So lernen schon Studierende des ersten Fachsemesters Jura, dass in ihrer Disziplin bestimmte (offenbar mehrheitlich vertretene) Positionen gegenüber „Mindermeinungen“ „herrschen“. Gleichwohl hat eine solche – sachlich ohnehin nicht überzeugende – Machtsprache bislang keinen ernst zu nehmenden Wissenschaftler davon abgehalten, eben jene „Herrschaft“ durch kluge Ideen in Zweifel zu ziehen.

Während die Gruppendynamik innerhalb der wissenschaftlichen Diskussion daher im All­gemeinen bislang nicht in einen Gruppenzwang umgeschlagen ist, bestehen gleichwohl in der gegenwärtigen Situation Gefahren für das vorab beschriebene Ideal einer Wissenschaftsfreiheit, in deren Genuss gerade auch der Querdenker kommt. Die Rede ist von einem sich immer häufiger in die Ausschreibungstexte um Professuren an deutschsprachigen Hochschulen schleichen­den Begriff, der die Voraussetzungen betrifft, die der Bewerber für eine Einladung sowie spätere Einstellung erfüllen muss. So war vor Kurzem in der Ausschreibung einer W3-Professur an der Leibniz Universität Hannover zu lesen, dass „eine auf dem Gebiet des materiellen Strafrechts, des Strafprozessrechts sowie eines weiteren Fachs, das an die Forschungsschwerpunkte der Leibniz Universität anschlussfähig ist, ausgewiesene Forscherpersönlichkeit“ gesucht werde. Auch im Hinblick auf andere Fächergruppen findet sich Ähnliches. Beispielsweise macht es die Georg­-August­-Universität Göttingen in der Ausschreibung einer Professur für Künstliche Intelligenz/Maschinelles Lernen zur Voraussetzung, dass der künftige Stelleninhaber „anschlussfähig sein“ muss „an mindestens einen der Forschungsschwerpunkte des Göttingen Campus“. Die Liste ließe sich ohne Weiteres fortsetzen und würde dabei zunehmend den Eindruck verfestigen, dass „Anschlussfähigkeit“ der Forscherpersönlichkeit oder ihrer Forschung nach einem gegenwärtigen Trend ein relevantes Kriterium für die Einstellung neuer Professoren darstellt. Was aber ist damit eigentlich gemeint?

Zur weiteren Erhellung kann ein Blick auf die Herkunft der Begrifflichkeit dienen, die ins­besondere in der Systemtheorie Niklas Luhmanns eine Rolle spielt. Darin dient die Kennzeichnung von Einheiten eines Systems als „anschlussfähig“ dazu, ihre logische Zusammengehörigkeit auszudrücken. Eine Reproduktion sozialer Systeme über Kommunikation oder Handlungen setzt deren Anschlussfähigkeit voraus. Fehlende Anschlussfähigkeit meint insofern, dass das so Klassifizierte einer von einem bestehenden Sys­tem abweichenden Logik folgt – sich vereinfacht gesprochen also nicht darin einfügt und damit die Möglichkeit ausschließt, dass sich daran zum System gehörende weitere Kommunikation oder Handlungen anschließen können.

„Unter dem Deckmantel der Anschlussfähigkeit können missliebige Meinungen aus dem Wissenschaftsbetrieb herausgehalten werden“

Die aus Raumgründen knapp gehaltene Begriffsanalyse ebnet den Weg zu immerhin zwei Interpretationen des Kriteriums der Anschlussfähigkeit von Forschung, das sich immer öfter in Ausschreibungstexten deutschsprachiger Hoch­schulen findet. Denkbar erscheint zunächst ein weites Begriffsverständnis, wonach die Forschung eines Wissenschaftlers als anschlussfähig im Hin­blick auf Forschungsschwerpunkte einer Fakultät eingestuft wird, sofern sie eine generelle, inhaltlich nicht näher bestimmte Befassung mit dem jeweiligen Thema aufweist. Anschlussfähig wäre nach dieser Lesart für die strafrechtliche Forschung an einer deutschen Hochschule, wer sich grundsätzlich mit Strafrecht befasst – unabhängig davon, wie genau diese Befassung inhaltlich ausgestaltet ist. Allerdings lässt sich der Begriff der Anschlussfähigkeit gerade auch in einem engeren Sinne verstehen, wonach die inhaltliche Ausgestaltung eines Forschungsfeldes als weiteres Kriterium herangezogen wird. Anschlussfähig wäre also ein Forscher auf dem Gebiet des Strafrechts allein dann, wenn er bestimmte inhaltliche Prämissen teilt, die an der jeweiligen Fakultät beziehungsweise allgemein innerhalb seiner Disziplin als „state of the art“ klassifiziert werden – mit sämtlichen teils schwer­wiegenden Konsequenzen dieser Position. Es erscheint eher wahrscheinlich, dass die Verfasser von Ausschreibungstexten, die die Anschlussfähigkeit des Forschers oder seiner Forschung an Schwerpunkte der jeweiligen Einrichtung zur Einstellungsvoraussetzung erheben, das erst­genannte Begriffsverständnis zugrunde legen.

Gleichwohl ist vor entsprechenden Formulierungen zu warnen. Mit ihnen geht zumindest die Gefahr einher, dass sich die für die Auswahlentscheidung zuständigen künftigen Kollegen des Bewerbers dazu aufgefordert oder darin bestärkt fühlen, ihre Aufgabe gerade auch unter Berücksichtigung der inhaltlichen Anschlussfähigkeit von Forscher oder Forschung auszuüben. Vor den Konsequenzen einer solchen (Fehl­-)Annahme kann nicht deutlich genug gewarnt werden: Eignung, Befähigung und Leistung als allein maßgebliche Auswahlkriterien für die Bewerber um eine Professur bemessen sich nicht danach, in welchem Umfang sich der Betreffende (aus welchen Gründen auch immer) in die Reihen eines zahlenmäßig überwiegenden Kollektivs eingliedert. Das bloße „Schwimmen mit dem Strom“ ist für sich genommen kein Gütesiegel wissenschaftlicher Forschung. Gerade der Frei­geist, der sich nicht von Autoritäten althergebrachter Meinungen beeindrucken lässt, kann eine Bereicherung für die Wissenschaft und daher besonders geeignet sowie befähigt sein.

Die Anschlussfähigkeit als Einstellungskriterium entpuppt sich auf dieser Basis als gefährliches Instrument zur Durchsetzung eines Machtanspruchs, den der eine oder andere Forscher für sein eigenes Gedankenmodell hegen mag. Unter dem Deckmantel der Anschlussfähigkeit können missliebige Meinungen aus dem Wissenschaftsbetrieb herausgehalten werden, indem ihrem Vertreter der Zugang zu einer Professur und damit der fortdauernden Möglichkeit verwehrt wird, sich mit relevanter Sichtbarkeit am wissenschaftlichen Diskurs zu beteiligen. Insoweit wird es den traditionell Denkenden unberechtigterweise leicht gemacht: Anstatt sich auf einer sachlichen Ebene mit den Gründen auseinandersetzen zu müssen, die von Seiten des Bewerbers gegen althergebrachte Positionen vorgebracht werden, genügt der Verweis auf die mangelnde Anschlussfähigkeit – denn wer ein System durch neue Gedanken zum Einsturz bringen möchte, um auf dessen Trümmern ein ganz neues zu errichten, der ist zweifelsohne immerhin eines: (inhaltlich) nicht anschlussfähig.

Wie verheerend die Konsequenzen für ein Wissenschaftssystem sind, das sich neuer Ideen durch gezielte Berufungsentscheidungen er­ wehren kann, muss kaum betont werden. Dazu lediglich ein Beispiel: Das kopernikanische Weltbild bedeutete einen Bruch mit dem lange vor­herrschenden geozentrischen. Von (inhaltlicher) Anschlussfähigkeit konnte insoweit keine Rede sein. Wesentliche Akteure des wissenschaftlichen Diskurses und damit Fortschritts sind in unserer heutigen Zeit die berufenen Hochschullehrer. Wäre dies damals bereits der Fall gewesen und hätten Anhänger des geozentrischen Weltbilds durch gezielte Berufungsentscheidungen gestützt auf das Kriterium der (inhaltlichen) Anschlussfähigkeit den „Marktplatz der Ideen“ regulieren können – wer weiß, wie lange wir noch davon ausgegangen wären, dass es die Erde sei, um die sich alles dreht.

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