Wenn akademische Freiheit für nichtig erklärt wird – Eylem Çamuroğlu Çığ

Wenn akademische Freiheit für nichtig erklärt wird – Eylem Çamuroğlu Çığ

Die jüngsten Angriffe der türkischen Politik auf die Hochschulen sind keineswegs die ersten – und sie sollten in größeren Zusammenhängen gesehen werden

In der Türkei wurde ich zwei Mal als Wissenschaftlerin entlassen: zunächst als Assistenzprofessorin der Fakultät für Journalismus der Universität Mersin im Oktober 2016, dann erneut – aufgrund des Notstandsdekretes – im April 2017, obwohl ich schon gar nicht mehr im öffentlichen Dienst tätig war. Grund für meine Entlassung war, dass ich Monate zuvor die Friedenspetition „Wir werden nicht Teil dieses Verbrechens sein“ unterzeichnet hatte. Diese war von der Initiative „Akademiker für den Frieden“ formuliert worden. Unter dem Aufruf standen die Namen von 1128 Wissenschaftler*innen. Trotz mehrfacher Kritik von Präsident Erdoğan stieg deren Zahl auf 2122. Vor allem Forschende aus den Geistes-­ und Sozialwissenschaften, aber auch aus Medizin, Ingenieurs-­ und Naturwissenschaften schlossen sich dem Appell an.

Meine letzte Entlassung geschah auf Grundlage des Notstandsdekretes. Vor allem in der Türkei bedeutet sie für mich den sozialen Tod. Bitte stellen Sie sich kurz vor: Sie erhalten von einem auf den anderen Tag kein Gehalt mehr, Sie dürfen nicht mehr im öffentlichen Dienst arbeiten und höchstwahrscheinlich nicht einmal mehr in Ihrer Heimat, weil mögliche andere Arbeitgeber nun ebenfalls Angst haben müssen, Sie anzustellen. Ihr Reisepass wird für ungültig erklärt, damit Sie das Land nicht mehr verlassen können. Und Sie erinnern sich an die Forderung eines Politikers der Regierungspartei: Die Entlassenen sollen fortan Baumwurzeln essen. Können Sie nachvollziehen, wie furchtbar die Lage in der Türkei ist?

Obwohl die politische Situation in meinem Heimatland seit 2016 schlimmer geworden ist, lässt sich auch jetzt noch – in diesen gefährlichen Zeiten – für die Freiheit kämpfen. Studentenbewegungen demonstrieren vielerorts ihre Solidarität. Mittlerweile gibt es sogar in Deutschland eine Gruppe von „Akademiker für den Frieden“, die sich offen für die Kolleginnen und Kol­legen in der Türkei einsetzt. Zwar ist offiziell der Ausnahmezustand seit Mitte Juli 2018 beendet, doch aufgrund des verschärften Antiterrorgesetzes befindet sich die Türkei weiterhin in einem unveränderten Zustand.

"Was sich in der Türkei beobachten lässt, ist die neueste Etappe des neoliberalen Projekts, das islamisch eingefärbt ist."

Die jüngsten Angriffe auf die türkischen Hochschulen waren keineswegs die ersten. Umfang, Wirkung und Moment, in dem sie durchgeführt wurden, verdienen jedoch eine besondere Aufmerksamkeit. Dabei sollte man die Unterdrückung der türkischen Forschenden nicht isoliert von Angriffen auf Universitäten in anderen Ländern betrachten. Vielmehr zeigen sich bei genauerer Betrachtung globale Zusammenhänge.

Es fällt auf, dass die türkische Politik besonders jene Forschenden attackiert, die für eine klassische Definition der akademischen Freiheit einstehen. Wer sich hingegen für eine neoliberal geprägte Version der akademischen Freiheit stark macht, bleibt von den politischen Angriffen verschont.

Das mag zunächst erstaunen: Schließlich begreift der Neoliberalismus alles Wissen als eine Ware, Bildung als eine zu privatisierende Dienstleistung und akademische Freiheit als eine Fähigkeit, unterschiedlichste Bildungsdienstleistungen zu erbringen. Staatliche Regulierungen, geschweige denn Eingriffe oder Attacken, sind in diesem Konzept nicht vorgesehen. Man sollte also annehmen, dass die Angriffe, die von der türkischen Politik gegenüber den Universitäten durchgeführt werden, dem Neoliberalismus widersprechen.

"Nur auf den ersten Blick verlangt der Neoliberalismus, dass nach seinem Muster ausgerichtete Universitäten vor staatlichen Regulierungen geschützt sind."

Doch es ist komplizierter, wie der autonome marxistische Philosoph George Caffentzis am Beispiel afrikanischer Uni­versitäten deutlich gemacht hat. Obwohl diese Hochschulen neoliberal eingehegt sind, waren sie gleichwohl vom amerikanischen Anti-­Terrorismus­-Paradigma betroffen.

Denn nur auf den ersten Blick verlangt der Neoliberalismus, dass nach seinem Muster ausgerichtete Universitäten vor staatlichen Regulierungen geschützt sind. Man sollte sich von der ideologischen Rhetorik nicht blenden lassen. Tatsächlich darf der neoliberalen Lehre zufolge der Staat immer dann regulierend eingreifen, wenn das Marktsystem davon profitiert. Caffentzis diskutiert deshalb, welche Möglichkeiten dem Widerstand bleiben. Erst im Zuge einer solchen Diskussion wird darüber hinaus deutlich, welche weiteren, größeren Zusammenhänge existieren – beispielsweise zwischen den Angriffen der türkischen Politik auf ihre Universitäten und der wirtschaftlichen Prekarisierung von Forschenden in Deutschland.

"Wirtschaftliche Prekarisierung hat sich in politische Prekari­sierung transformiert."

Als Exempel einer solchen Prekarisierung lässt sich erneut auf die türkischen Universitäten verweisen. Sie haben in den vergangenen Jahrzehnten eine Transformation durchgemacht, die zunächst ökonomisch motiviert war, bevor sie von politischer Seite weitergetrieben wurde. Was sich aktuell in der Türkei beobachten lässt, ist nur die neueste Etappe des neoliberalen Projekts, das heutzutage islamisch eingefärbt ist.

In der Türkei hat die neoliberale Transformation mit dem Militärputsch im Jahr 1980 begonnen: Zunächst wurde die Gesellschaft umgestaltet, später kamen die Hochschulen an die Reihe. Dabei wurden als erstes die akademischen Arbeitsbedingungen flexibilisiert, was zu prekären Beschäftigungsverhältnissen führte. Ähnliche Reformen wurden auch in den Medien, der Gesundheitsbranche und im Bildungssektor umgesetzt. Längst prägt der Neoliberalismus die türkische Gesellschaft nicht mehr nur in wirtschaftlicher Hinsicht. Wirtschaftliche Prekarisierung hat sich in politische Prekari­sierung transformiert. Die Umwälzung ist so tiefgreifend durchgeführt worden, dass das Land bereits am Abgrund zum Faschismus steht.

Doch es gibt nicht nur eine neoliberale Definition der akademischen Freiheit, sondern auch eine klassische: Sie setzt auf einen allgemeineren Begriff der akademischen Freiheit. Dieser betrachtet Wissen als eine gemeinsame Ressource aller und Bildung als ein öffentliches Gut. Akademische Freiheit ist demnach ein Mittel, um Menschen zu befähigen, sich Zugang zu Wissen zu verschaffen und selbst neues Wissen zu generieren. Es ist offensichtlich, dass die Angriffe aus Wirtschaft und Politik genau diesem Freiheitsbegriff gelten.

Darüber hinaus wird die neoliberale Transformation auch mit Hilfe des öffentlichen Diskurses vorangetrieben: So spricht der türkische Präsident von „lokalen“ und „nationalen“ Hochschulen, wobei etwa die renommierte Universität Boğaziçi kriminalisiert wird. Zugleich wird – in einem zweiten Diskurs – von der „unternehmerischen und wettbewerbsfähigen Universität“ gesprochen. Diese beiden so grundlegend divergenten Begrifflichkeiten führen zu Widersprüchen in vielen Diskussion über die akademische Freiheit.

Der "akzeptable Akademiker" ist nie kritisch im Denken.

Die Idee des Sicherheitsstaates, die in der Türkei umgesetzt ist, und der Begriff einer neoliberal verstandenen Wissenschaftsfreiheit finden in der Vorstellung des sogenannten „akzeptablen Akademikers“ zueinander. Dieser „Akademiker“ ist zwar konkurrenzfähig, aber nie kritisch im Denken oder in seinen Reaktionen. Auch hinterfragt er nicht den Kapitalismus und den Sicherheitsstaat, die in der heutigen Türkei miteinander verschmolzen sind.

Bemerkenswert ist ein Interview mit Ümran İnan, dem Präsidenten der privaten Koç-­Universität. Trotz der Probleme in der Türkei und den Nachbarstaaten, erzählte er, hätten sich zahlreiche führende Akademiker*innen um eine Stelle an seiner Hochschule beworben. „Die Menschen suchen nach einer Herausforderung“, sagte er. „Sie suchten nicht nach faulen Ausreden oder hohen Gehältern oder Ähnlichem. Sie wollen mit herausragenden Menschen verkehren und in einem Umfeld arbeiten, in dem unvorhersehbare Dinge passieren können.“ Eine andere Aussage verdeutlicht, auf welchem Niveau sich die akademische Welt zurzeit befindet: „Der Talentpool, dem ich für dieses Jahr angehört habe, ist unglaublich.“ Und im Hinblick auf die Friedensakademiker meinte er: „Einige unserer Wissenschaftler haben vielleicht außerhalb der universitären Operationen selbst etwas getan. Vielleicht haben sie Aussagen unterschrieben, die nichts mit ihrer akademischen Leistung zu tun haben.“

"Akkumulation durch Enteignung"

Unsere Erfahrungen an den türkischen Universitäten haben uns entlassenen Forschenden ein klares Verständnis von akademischer Freiheit gegeben. Als gemein­same Basis der beiden so unterschiedlichen Angriffe – durch neoliberale Deregulierung und sicherheitsstaatliche Maßnahmen – er­weist sich die Kapitalakkumulation. Treffend wurde diese vom US­-Philosophen David Harvey auch als Akkumulation durch Enteignung bezeichnet. Sie bedarf denn auch eines Umfelds, das wettbewerbsfähig, individualistisch und von jeder Öffentlichkeit, jedem Gemeinwesen und jedem Widerstand „gesäubert“ ist. Die akademische Freiheit, die in der Türkei heutzutage als akzeptabel gilt, soll dabei eine Umgebung schaffen, in der sich ein solcher Kapitalismus frei und destruktiv bewegen kann. Weil die kritischen türkischen Akademiker*innen der neoliberalen Variante des Islamismus entgegenstanden, sind sie entlassen – anders gesagt: enteignet – worden. Denn der neoliberale Islamismus ist auf ein widerstandsloses Umfeld angewiesen, um das politische System grundlegend transformieren zu können – ohne dass dabei das Kapital verloren gehen darf. All diese Umwälzungen passen im Übrigen mit dem globalen Zulauf der populistischen Rechten zusammen.

"Es geht darum, unser Wissen an alle Menschen weiterzugeben, die von der Regierung abgedrängt werden."

Was aber tun die „Akademiker für Frieden“, die weder an den türkischen Hochschulen arbeiten noch das Land verlassen dürfen? Sie sind nicht tatenlos geblieben, sondern haben Solidaritätsakademien gegründet: in Kocaeli, Ankara, İzmir, İstanbul, Mersin, Dersim, Antalya, Eskişehir und Berlin. Es geht darum, unser Wissen an alle Menschen weiterzugeben, die von der Regierung abgedrängt werden. Statt die Friedenspetition zurückzunehmen, wollen wir über alter­ native Organisationen den Kontakt zueinander halten und den akademischen Austausch weiter pflegen. Die in Ankara entlassenen Kolleg*innen unterrichten jetzt in Straßenakademien – allerdings immer nur für zwanzig Minuten lang, weil dann die Polizei einschreiten kann. Und die in Deutschland lebenden entlassenen türkischen Wissenschaftler*innen haben eine sogenannte „Off-­Universität“ gegründet: Von hier aus unter­ richten sie über das Internet ihre Kolleginnen und Kollegen, die entlassen worden sind, aber an einer Ausreise gehindert werden. In Istanbul haben wir „Kampüssüzler (Ohne Campus)“ und in Mersin ein neues Kulturhaus namens „Kültürhane“, das die Solidaritätsakademien in einem neuen Format mit kulturellen und künstlerischen Aktivitäten fusioniert.

Unsere Friedenspetition betont den Begriff der akademischen Freiheit wieder in seinem allgemeinen Sinne. Die Solidarität der akademischen Welt zeigt sich in der unablässigen Bemühung, Wissen als Gemeingut herauszustellen. Wie die Philosophin Judith Butler feststellte, wird ein Recht auch dann ausgeübt, wenn keine Rechte ausgeübt werden – oder genauer: wenn kein Recht existiert. Wir Friedensakademiker üben daher ein akademisches Freiheitsrecht aus, das vom türkischen Staat und vom globalen Kapital für null und nichtig erklärt worden ist.

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen