Hauptsache, Sie streiten

1 Lassen Sie sich nie eine Gelegenheit zum Streiten entgehen

Kaum ein wissenschaftlicher Streit hat die jüngere Popkultur so inspiriert wie dieser: Das Hip-Hop-Video Fear the Boom and Bust, veröffentlicht 2010 auf Youtube, ist mittlerweile fast sieben Millionen Mal aufgerufen worden. In Form eines Rap-Battle werden darin die Theorien der beiden Wirtschaftswissenschaftler Friedrich August von Hayek und John Maynard Keynes präsentiert. Dabei war historisch gesehen zunächst Keynes als klarer Sieger aus der Debatte über die Ursachen und Lösungen der Weltwirtschaftskrise der frühen 1930er-Jahre hervorgegangen. Hayeks Stunde schlug in den 1970er-Jahren, als die keynesianischen Politikrezepte in eine Krise gerieten. Margaret Thatcher trug damals sein Werk The Constitution of Liberty in der Handtasche und setzte seine Ideen in Politik um. Im Zuge der globalen Finanzkrise von 2008 erlebten dann wieder Keynes’ Konzepte ein Comeback. Noch heute sind zahlreiche „Praktiker, die sich frei von irgendeinem intellektuellen Einfluss wähnen“, wie Keynes es in einem seiner vielen Aphorismen ausdrückte, die „Sklaven“ dieser beiden längst verblichenen Ökonomen.

2 Suchen Sie sich ein Thema, über das sich streiten lässt

Obschon die Geschichtswissenschaft an Kontroversen alles andere als arm ist, hat im deutschsprachigen Raum kaum eine Auseinandersetzung derart hohe Wellen geschlagen wie der Historikerstreit der 1980er Jahre: Als Jürgen Habermas die zeitgeschichtlichen Thesen unter anderem Ernst Noltes in einem Zeit-Artikel als revisionistisch kritisierte, löste das eine teils polemische Debatte über deutsche Geschichtsbilder aus, die monatelang die Feuilletons füllte. Die Unversöhnlichkeit auf beiden Seiten lässt sich wesentlich darauf zurückführen, dass wissenschaftliche und weltanschauliche Fragen offensiv miteinander vermischt wurden – wobei für letztere seit jeher gilt: Contra principia negantem non est disputandum.

3 Suchen Sie sich einen Gegner, mit dem sich streiten lässt

Dieser Streit schien geradezu vorprogrammiert: 2004 trafen sich der liberale Philosoph Jürgen Habermas, der sich selbst zuvor als „religiös unmusikalisch“ beschrieben hatte, und der oberste Dogmatiker der katholischen Kirche, Joseph Kardinal Ratzinger (später Papst Benedikt XVI.) in der katholischen Akademie in München. Sie debattierten über die vorpolitischen moralischen Grundlagen der Demokratie. Statt eines Streites wurde das Treffen jedoch zu einem „Gipfel der Freundlichkeiten“, wie die Zeit befand. Vernunft und Glauben, so stimmten beide überein, können sich in einem wechselseitigen Lernprozess gegenseitig befruchten. „Im operativen Bereich“, so lautete das hinterher kolportierte Fazit Ratzingers, „sind wir uns einig.“

4 Bereiten Sie Ihre Argumente pe­ni­bel vor

1830 wurde die Pariser Académie des sciences Schauplatz eines wochenlangen Streits zwischen den Zoologen Georges Cuvier und Étienne Geoffroy Saint-Hilaire. Im Kern ging es um die Frage, ob es so etwas wie einen gemeinsamen Grundbauplan aller Lebewesen gebe, wie – beeinflusst unter anderem durch Lamarck – Geoffroy annahm, oder ob gleiche anatomische Merkmale bei Lebewesen lediglich auf gleiche Funktionen zurückgingen, was Cuviers Ansicht war. Bei der Sitzung der Akademie am 15. Februar stellte Geoffroy einen Auf­satz zweier Wissenschaftler vor, der seine These zu bestätigen schien. Dabei griff er Cuvier indirekt an. Dieser kam zur nächsten Sitzung bis an die Zähne bewaffnet mit Beweisen für seine eigene These. Insgesamt stritten die beiden Kontrahenten acht Sitzungen lang miteinander. Schließlich beendete Geoffroy die Debatte, die längst zum öffentlichen Spektakel geraten war. Wenn auch Cuvier seinerzeit weithin als Sieger angesehen wurde, wurde Geoffroy später als früher Vertreter der Evolutionstheorie anerkannt. Nicht zuletzt bezog sich auf den Streit der beiden auch Darwin in seinem On the Origins of Species.

Streiten Sie mit Sinn und Verstand

5 Streiten für die Wissenschaft

1743 erwarb Friedrich August III., Kurfürst von Sachsen und Sohn Augusts des Starken, ein Gemälde Hans Holbeins d.J., die sogenannte Madonna des Bürgermeisters. Neben Werken wie Raffaels Sixtinischer Madonna wurde sie als eines der Meisterwerke deutscher Schule in Dresden ausgestellt. Zweifel an ihrer Echtheit kamen auf, als 1822 ein zweites, identisches Madonnenbild von Frankreich nach Preußen gelangte. Von da an stritten Kunstgelehrte, Künstler, aber auch die Öffentlichkeit darüber, welches der beiden Bilder denn nun der echte Holbein sei. Der Streit gipfelte in der Holbein-Ausstellung von 1871 in Dresden, bei der beide Bilder nebeneinander und gemeinsam mit anderen Werken des Künstlers gezeigt wurden. Mithilfe damals neuer stilkritischer Methoden urteilte eine neue Generation von Kunstgelehrten, dass die Dresdner Madonna eine Fälschung sein müsse. Der Holbeinstreit trug letztlich dazu bei, die Kunstgeschichte als methodengeleitete Wissenschaft zu etablieren.

6 Ignorieren Sie auch mal ein Argument

Nicht einmal hundert Millionen Jahre sei die Erde alt – zu jung also, um mit Darwins Evolutionstheorie vereinbar zu sein. Dies behauptete jedenfalls der Physiker William Thomson, der 1892 als Lord Kelvin in den Adelsstand erhoben wurde. Obschon Kelvin tiefreligiös war, kam er auf wissenschaftlichem Wege zu seiner vermeintlichen Widerlegung Darwins: Seine Berechnungen des Alters der Erde anhand des Wärmeflusses aus dem Erdinnern fußten auf den Vorarbeiten des französischen Mathematikers Jean Baptiste Joseph Fourier und waren für sich genommen nicht ganz falsch. Sie vernachlässigten aber den Einfluss radioaktiver Elemente auf die Erdwärme (zudem auch den konvektiven Wärmetransport im Erdmantel). Obwohl die Standardvariante der Geschichte lautet, dass Kelvin zu seinen Lebzeiten von der später entdeckten Radioaktivität noch nichts wissen konnte, saß er 1904 bei einem Vor­trag des Physikers Ernest Rutherford über Radioaktivität in der ersten Reihe. – Er verschlief aber, wie Rutherford später berichtete, den Großteil.

7 Denken Sie Ihren Gegner zu Ende

Wie kommt das Böse in die Welt? Dies ist die zentrale Frage der Theodizee, die sich insbesondere dann stellt, wenn man von einem liebenden und allmächtigen Gott ausgeht. Denn würde ein Gott, der die Menschen liebt und allmächtig ist, nicht den Menschen von Leiden verschonen? Der Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz schlug 1710 vor, das Dilemma dadurch zu erklären, dass die Welt zwar nicht perfekt, aber doch die „beste aller möglichen Welten“ sei. Dafür wurde er von Voltaire scharf kritisiert. In seinem Roman Candide oder der Optimismus entwarf dieser einen Helden, der Leibniz’ Gedanken verinnerlicht hat und nach diesem lebt, damit aber konsequent scheitert. Parodistisch zusätzlich überspitzt wird dies 200 Jahre später in Leonard Bernsteins Operette Candide, worin jedem Übel (satirisch) ein guter Grund zugewiesen wird, z. B. „war improves relations“.

8 Stellen Sie den Sinn in Frage

Die Hermeneutik basiert auf der Annahme, dass Texte Informationen transportieren, die bisweilen unklar seien, aber bei entsprechender Auslegung verstanden werden könnten. Die Dekonstruktion – wie sie etwa von Jacques Derrida entworfen wurde – wendet sich radikal gegen diese Annahme: Worte mit Worten, Zeichen mit Zeichen zu erklären, trage nicht zum Verständnis bei, sondern schaffe nur eine neue Aussage, ebenso verständlich oder unverständlich wie die vorige. Nicht der Intention einer Aussage könne man auf die Spur kommen, sondern nur der ‚Drift‘-Bewegung der Zeichen folgen, die von einem Zeichen zum nächsten springe, ohne sich dabei final einer Bedeutung – einem Sinn – anzunähern. Was wie ein literaturtheoretisches Spiel erscheinen mag, war fundamental für Möglichkeiten der Ideologiekritik in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

9 Argumente allein reichen nicht

Der Streit zwischen Galilei und der Kirche gilt heute als das Beispiel schlechthin für den Kampf eines (vermeintlich) vernünftigen Wissens gegen einen (vermeintlich) unvernünftigen Glauben. Doch so einfach ist der Fall nicht. 2008 wurde Papst Benedikt XVI. ein Besuch an der römischen Universität La Sapienza versagt, weil er 1990 – noch als Josef Kardinal Ratzinger – in einem Vortrag behauptet hatte, dass die Kirche sich seinerzeit viel enger an die Vernunft gehalten habe als Galilei. Der spätere Papst hatte dabei den Philosophen Paul Feyerabend zitiert, der in seiner wissenschaftstheoretischen Schrift Wider den Methodenzwang zeigt, dass die Kopernikanische Wende keineswegs auf dem reinen Weg der Vernunft eingeleitet wurde, sondern unter anderem auch durch „geschickte Überredungsmethoden“.

Streiten Sie schön

10 Nutzen Sie die Macht der Bilder

„Gott würfelt nicht“ – mit diesem Bild wies Einstein seinerzeit die von Niels Bohr (und Werner Heisenberg) vertretene Kopenhagener Interpretation der Quantenmechanik zurück. Im Kern der Bohr-Einstein-Debatte ging es um die Frage der Vollständigkeit der Quantentheorie: Während die Kopenhagener Interpretation die Zufälligkeit quantenmechanischer Ereignisse auf eine wesentliche Unbestimmtheit zurückführt, die in den Ereignissen selbst liegt, ging Einstein von einer generellen Bestimmtheit und Bestimmbarkeit physikalischer Ereignisse aus; die Zufälligkeiten waren für ihn gerade ein Beleg für die Unvollständigkeit der Interpretation. Karl Popper sprach hinsichtlich der beiden großen Deutungsansätze der Quantenphysik, für die Einstein und Bohr stehen, vom „Schisma der Physik“.

11 Antworten Sie mit einem Gedicht

Schon kurz nach dessen Erscheinen entspann sich an Goethes Briefroman Die Leiden des jungen Werther ein Streit unter Zeitgenossen darüber, ob ein Dichter nicht verantwortlich sei für das Handeln seiner Figuren. Dementsprechend sei er dann verpflichtet, dieses Handeln auch moralisch zu kommentieren. Durch eine Reihe von Selbstmorden sahen die Kritiker sich über den „Werther-Effekt“ bestätigt. Unter jenen Kritikern war auch Friedrich Nicolai, der gar den satirischen Roman Die Freuden des jungen Werther gegen Goethe im Speziellen und gegen den Sturm und Drang allgemein publizierte. Goethe antwortete unter anderem mit einem Gedicht, in dem er Nicolai auf Werthers Grab sich mit den Worten erleichtern lässt: „Der arme Mensch, er dauert mich / Wie hat er sich verdorben! / Hätt’ er geschissen so wie ich, / Er wäre nicht gestorben!“

12 Loben Sie Ihren Gegner über den grünen Klee

Isaac Newton war nicht nur ausdauernd beim Streiten. Er konnte auch vernichtende Urteile in inspirierende Zitate verpacken. „Wenn ich weiter geblickt habe, so deshalb, weil ich auf den Schultern von Riesen stehe“, schrieb er 1676 seinem Rivalen Robert Hooke. Die Rivalität hatte vier Jahre zuvor begonnen, als Newton der Royal Society in London seine Schrift „New Theory about Light and Colours“ vorstellte. Darin argumentierte er, dass Licht aus unveränderlichen und atomähnlichen Partikeln bestehe. Viele Mitglieder der Royal Society, darunter auch Hooke, waren mit dieser Theorie nicht einverstanden. Hooke war vielmehr überzeugt, dass Licht nicht aus Teilchen, sondern aus Wellen besteht. Die Meinungsverschiedenheit machte Newton und Hooke zu lebenslang erbitterten Kontrahenten. Newtons Worte „auf den Schultern von Riesen“ – ein Bild, das seit dem Mittelalter kursierte – darf auch als versteckter Seitenhieb gegen den Rivalen verstanden werden: Hooke war kleinwüchsig.

13 Entlarven Sie Nonsens durch noch größeren Nonsens

Die „drei Kränkungen der Menschheit“ (Freud), für die die Namen Galilei, Darwin und Freud stehen, lösen bis heute immer wieder gesellschaftliche Debatten mit kulturkämpferischen Zügen aus. So streitet etwa seit den neunziger Jahren die neukreationistische Intelligent-Design-Bewegung (ID) in den USA dafür, statt der Evolutionstheorie – oder wenigstens gleichberechtigt mit ihr – die als wissenschaftlich behauptete Lehre eines in der Natur wirkenden göttlichen Schöpfers an Schulen zu unterrichten. 2005 entschied die Bildungsbehörde des Bundesstaates Kansas zugunsten der ID-Bewegung, woraufhin der Physiker Bobby Henderson zum Stift griff und in einem offenen Brief forderte, die von ihm „und vielen anderen“ vertretene Lehre von der Erschaffung der Welt durch das Fliegende Spaghettimonster „mit Seinem Nudeligen Anhängsel“ ebenfalls für den Unterricht zuzulassen. Die „Religion“ des Pastafarianismus verbreitete sich in der Folge in den USA und der ganzen Welt. Ihre „Kirche“ bemüht sich in vielen Ländern um Anerkennung als Religionsgemeinschaft in satirisch-kritischer Position gegen Verflechtungen von Staat und Religionsgemeinschaften in vermeintlich säkular verfassten Gesellschaften.

Streiten Sie nicht allein

14 Lassen Sie andere für sich streiten

„I wonder what a Chimpanzee would say to this?“, schrieb Charles Darwin 1857 in einem Brief: Er könne die Ansicht des großen Anatomen Richard Owen einfach nicht „schlucken“, wonach der Mensch von den Menschenaffen entwicklungsgeschichtlich klar zu trennen sei. Owens war der Ansicht, dass die Anatomie des menschlichen Gehirns einige besondere Merkmale gegenüber dem eines Menschenaffen aufweise. Über seine Ansichten wurde Owen nach Erscheinen von Darwins Origins in weit ausgreifende öffentliche Debatten verwickelt – allerdings nicht von Darwin selbst, sondern von dem Anatomen Thomas Huxley, genannt „Darwins Bulldogge“. Ein Aufeinandertreffen von Owen und Huxley bei der British Science Association 1860 war der Beginn eines jahrelangen Streits, an dem die Öffentlichkeit regen Anteil nahm. Huxley entschied die gorilla wars am Ende für sich – bzw. für Darwin, der sich über Abdrucke der Debatten und über Briefe seiner Parteigänger auf dem Laufenden hielt.

15 Mischen Sie sich nie in andere Streitigkeiten ein

Von der Preußischen Akademie der Wissenschaften ging im 18. Jahrhundert ein Wissenschaftsstreit erster Güte aus – und dazu ein veritabler höfischer Skandal. Friedrich der Große hatte den französischen Naturforscher Pierre Louis Moreau de Maupertuis zum Präsidenten der Akademie ernannt. Als 1751 Samuel König – Mathematiker und Akademiemitglied – in einer Schrift andeutete, Maupertuis habe aus einem Brief Leibniz’ plagiiert, ließ der Präsident besagten Brief kurzerhand als Fäl­schung verurteilen. König verließ daraufhin die Akademie. Die Nachricht von dem Fall erreichte einige Wochen später Voltaire, der in Potsdam weilte und für Maupertuis nicht viel übrighatte. In einer anonymen Streitschrift ging er den Plagiator scharf an. Friedrich der Große höchstselbst sah sich daraufhin genötigt, den „talentlose[n] Libell-Schreiber“ in einer Schrift zu tadeln, was Voltaire nicht auf sich sitzen ließ. Er schrieb die satirische Diatribe Doctor Akakia und sicherte sich mit einem Trick die königliche Druckerlaubnis. Entsprechend erbost reagierte Friedrich und ließ Voltaires Text öffentlich von einem Henker verbrennen. Nachdem sich das Verhältnis zwischen dem König und dem Philosophen durch eine Reihe weiterer Schriften verschlechterte, brach Voltaire 1753 nach Leipzig auf und kehrte nicht wieder an den Hof zurück.

16 Stellen Sie Thesen auf, an denen die Nachwelt sich abarbeiten kann

Können Maschinen denken? Darüber, wie diese Frage zu verstehen und wie sie zu beantworten sei, führen Philosophen und Informatiker seit der Mitte des 20. Jahrhunderts hitzige Debatten. Aufgeworfen wurde die Frage erstmals Mitte des 19. Jahrhunderts von der britischen Mathematikerin Ada Lovelace, gewissermaßen der ersten Informatikerin. Lovelace hatte eine klare Position: Computer können nicht denken, weil sie nur das reproduzieren, was jemand zuvor programmiert hat, aber nicht zu eigenständiger Kreativität fähig sind. Alan Turing diskutierte dieses Argument 1950 als „Lady Lovelace’s Objection“ und wies es zurück: Genau wie Menschen seien Computer fähig, andere Menschen mit dem, was sie tun, zu überraschen. Noch heute hat aber auch Lovelace’s Position entschiedene Anhänger. So charakterisierte der US-amerikanische Kognitionswissenschaftler Selmer Bingsjord Turings Argumente als „bestenfalls mysteriös, schlimmstenfalls inkompetent“.

17 Soll die Geschichte entscheiden

Rf, Db, Sg, Bh und Hs: So lauten die Kurzschreibweisen für die zu den Transactinoiden zählenden chemischen Elemente 104 bis 108. Diese werden durch Kernreaktionen erzeugt, beispielsweise durch den Beschuss von Plutonium mit Neonkernen. Normalerweise erhalten neu entdeckte chemische Elemente systematische Elementnamen und werden von ihren Entdeckern getauft. Die Elemente 104 bis 108 wurden jedoch nahezu zeitgleich von unterschiedlichen Forschern entdeckt, was ab den 1960ern zu einem jahrzehntelangen Streit zwischen amerikanischen und sowjetischen Forschergruppen führte. In den USA etwa wurde das Element 104 in Andenken an Ernest Rutherford als Rutherfordium (Rf) bezeichnet, während es in der UdSSR Kurtschatowium hieß – zu Ehren Igor Kurtschatows, des Vaters der sowjetischen Atombombe. Beide Bezeichnungen galten im jeweils anderen Land als inakzeptabel. Der Namensvorschlag für Element 106 war wiederum für einige ausgeschlossen, weil sein Entdecker Glenn Seaborg noch lebte. Erst nach dem Ende der Sowjetunion konnte der Streit um die Namensgebung 1997 auf dem Treffen der Internationalen Union für reine und angewandte Chemie gelöst werden, wo die Elemente ihre endgültigen Namen erhielten: Rutherfordium (Rf), Dubnium (Db), Seaborgium (Sg), Bohrium (Bh) und Hassium (Hs).

Machen Sie von Ihrem Streit reden

18 Jeder Streit braucht einen guten Aufhänger

Friedrich Heinrich Jacobi löste 1785 einen Philosophenstreit aus, der es in sich hatte. Dabei ging es um die Frage, wie die Philosophie Spinozas zu deuten sei: als so rationalistisch und deterministisch, dass sie im Atheismus enden müsse – wie Jacobi behauptete –, oder vielmehr als eine Spielart des Pantheismus, die mit religiösen und moralischen Werten durchaus vereinbar wäre. Letzteres war die Position Moses Mendelssohns, Jacobis Hauptkontrahenten in der Debatte, an der direkt oder indirekt auch Goethe, Kant, Herder, später die Idealisten und noch Feuerbach teilhatten. Aufhänger des Ganzen war Jacobis Schrift Über die Lehre des Spinoza, die dieser in Briefform an Mendelssohn richtete und in der er – zurecht oder nicht – den kurz zuvor verstorbenen Lessing, einen engen Freund Mendelssohns, als überzeugten Spinozisten öffentlich „outete“.

19 Fassen Sie immer nach dem heißesten Eisen

Seit ihren An­fängen war die Freud’sche Psychoanalyse harscher Kritik von außen und von innen ausgesetzt. Allgemein bekannt ist der Angriff C.G. Jungs auf den kritischen Kern der psychoanalytischen Theorie und Praxis: den Sexus, der letztlich zum Zerwürfnis zwischen Freund und Jung führte. Ein anderer folgenreicher Streit wurde von Freuds Tochter Anna und Melanie Klein ausgetragen, und zwar über die Frage der frühkindlichen Konstitution seelischer Konflikte. Während Anna Freud die Position vertrat, dass bei Kleinkindern noch keine psychische Struktur und keine verbalisierbaren und also analysierbaren Konflikte auffindbar seien, entwickelte Klein eine Kinderanalyse, die das Spiel zum Ausgang für die Analyse unbewusster kleinkindlicher Fantasien nimmt. Die Theorien der beiden Frauen haben die Entwicklung der Psychoanalyse im 20. Jahrhundert stark beeinflusst. So hat sich mit der Anna-Freudianischen Ich-Psychologie ein kognitionspsychologischer Strang der Psychoanalyse herausgebildet. Klein wiederum hatte großen Einfluss auf Jacques Lacan, der ab den 1950er-Jahren die Psychoanalyse strukturalistisch neu formulierte.

20 Wärmen Sie einen alten Streit auf

Schon vor dem ersten Weltkrieg stritten die Soziologen und Ökonomen Max Weber, Gustav Schmoller und Werner Sombart über das Verhältnis von Wissenschaft und Politik: Sind wissenschaftliche Urteile und Werturteile streng voneinander zu trennen oder sollte Wissenschaft politische Handlungsempfehlungen geben? Dieser Streit erlebte eine Neuauflage im Positivismusstreit der 1960er-Jahre: Damals argumentierten die Vertreter der Frankfurter Schule um Theodor Adorno und Jürgen Habermas gegen die kritischen Rationalisten um Karl Popper. Dabei ging es vor allem um die Frage, ob die Sozialwissenschaften prinzipiell die gleiche Beziehung zu ihrem Gegenstand haben wie die Naturwissenschaften, oder ob es eine eigene „Logik der Sozialwissenschaften“ gibt (so der Titel der Tagung, auf der der Streit 1961 begann). Beigelegt wurde der Streit nie. Zuletzt flammte die umstrittenen Fragen im Zuge der Finanzkrise 2008/09 auf: Seither befindet sich die Volkswirtschaftslehre in einem „neuen Methodenstreit“.

21 Schärfen Sie Ihre Argumente (oder deren Verpackung)

Beim antiken Streit zwischen (Platonischer) Philosophie und Sophisten geht es um zwei unterschiedliche Weisen des Denkens und Handelns: Den Philosophen interessiert das Wesen der Dinge. Er versucht, hinter die Erscheinungen zu blicken und – wie Platon es etwa in seinem Höhlengleichnis schildert – die Ideen zu erkennen, die der Welt zugrunde liegen. Der Sophist hingegen ist pragmatischer Rhetoriker. Er lässt sich nicht von der Sonne der Ideenwelt blenden, sondern sieht seinen Wirkungsbereich innerhalb der ‚Höhle‘ der Realität. Sein Ziel ist es, die Mitmenschen zu überzeugen. Um welchen Inhalt es dabei geht, ist zweitrangig. In einer Anekdote über den Besuch des griechischen Philosophen Karneades in Rom kommt diese Haltung exemplarisch zum Ausdruck (auch wenn Karneades nicht direkt zu den Sophisten zu rechnen ist): Am ersten Tag hielt Karneades eine Rede für die Gerechtigkeit, am zweiten Tag dagegen. Beide Male war das Publikum von der Argumentation vollends überzeugt. Dass Strategien rhetorischer Immunisierung noch heute als ‚Sophisterei‘ bezeichnet werden, geht unter anderem auf solche Verfahrensweisen zurück.

22 Werden Sie politisch

Im Sommer 1975 kündigte Dietrich Sattler auf einer Pressekonferenz eine neue Ausgabe der Werke Friedrich Hölderlins an. Was wie eine Randnotiz der Germanistik klingt, war ein Schlag ins Gesicht der Wissenschaft. Gerade eben erst war die Stuttgarter Hölderlin-Ausgabe abgeschlossen worden, die den Anspruch erhoben hatte, Hölderlins Texte der Leserschaft in der bestmöglichen Fassung zugänglich zu machen. Eine solche ‚bestmögliche‘ Fassung ist für Hölderlins Gedichte oft schwer zu erstellen, weil die Texte in zahlreichen (teils widersprüchlichen) Varianten vorliegen. Wo die Stuttgarter Ausgabe daraus möglichst abgeschlossene, fertige Texte formte, stellte die neue, sogenannte Frankfurter Hölderlin-Ausgabe dieses Vorgehen radikal in Frage und präsentierte stattdessen alle Textfragmente gleichberechtigt nebeneinander. Sie verzichtete damit auf einen autoritativen Eingriff der Herausgeber: Niemand entscheidet, welche Fassung eines Gedichts die bessere ist. Was wie eine Quisquilie der Editionsphilologie erscheint, zieht (kurz nach 1968) weite Kreise, denn: Es streiten (autoritäre) Ordnung und (demokratisches) Chaos.

23 Schreiten Sie von der Parodie zur Tat

1990 veröffentlichte die amerikanische Philosophin Judith Butler ihr berühmtes Buch Gender Trouble (Das Unbehagen der Geschlechter). Darin unterschied sie zwischen Sex und Gender, also biologischem und sozialem Geschlecht. Im Anschluss an Michel Foucault führte sie Geschlechterkonzepte auch auf Machtstrukturen zurück. Um bestehende Machtstrukturen aufzubrechen, sei es nötig, diese parodistisch zu überzeichnen. Für letzteres wurde Butler von Martha Nussbaum, ebenfalls Professorin für Philosophie in den USA, harsch kritisiert. In einem Beitrag mit dem Titel „The Professor of Parody“ schrieb Nussbaum, Butler bleibe ausschließlich akademischer Theorie verhaftet und interessiere sich nicht für reale Veränderungen in der Welt. Butlers Ansatz, resümierte Nussbaum, „collaborates with evil. Feminism demands more and women deserve better.“

Lassen Sie es darauf ankommen

24 Diskreditieren Sie Ihren Gegner, ohne ihn zu er­wähnen

Kurz vor Ende des Ersten Weltkriegs veröffentlichte Thomas Mann seine Betrachtungen eines Unpolitischen. Trotz des anderslautenden Titels handelt es sich um einen entschieden politischen Text. Auf mehr als 600 Seiten nimmt Mann Stellung zur Gegenwart und bedauert (mehr oder weniger explizit) den Untergang des Kaiserreichs. Ihren Kulminationspunkt aber finden die Betrachtungen in der Verbindung von Politik und Familie: Zentraler Adressat (und Gegner) war dabei sein Bruder Heinrich, der sich klar auf Seiten der Demokratie positioniert hatte. Dafür wurde er von Thomas – ohne ein einziges Mal namentlich genannt zu werden – als „Zivilisationsliterat“ verunglimpft, der zentrale Werte wie Bürgerlichkeit, Kultur, Nation verrate. Wie sehr er seinen älteren Bruder für den Verlust seiner Ideale verantwortlich machte, bringt Thomas Mann in folgender Passage zum Ausdruck: „[S]eine ‚Rehabilitierung der Tugend‘, sein Fortschreiten zu moralisierend kämpferischer Zielstrebigkeit bedeutet […] das Ende aller Boheme, aller Ironie und Melancholie […].

25 Tod durch Assoziation

Seinen Ausgang nahm der sogenannte „Stromkrieg“ zwischen Thomas Alva Edison und George Westinghouse bei der Frage, ob die Stromversorgung in den USA um die Wende zum 20. Jahrhundert durch Gleichstrom oder Wechselstrom organisiert werden sollte. Dabei ging es weniger um wissenschaftlich-technische Aspekte als um harte Marktinteressen. Westinghouse hatte die Patentrechte für das Wechselstromsystem 1885 von Nikola Tesla erworben und war damit unmittelbar zum Konkurrenten für Edison geworden, der an den Lizenzen für die Nutzung seines Gleichstromsystems gut verdiente. Edison nutzte die Tatsache, dass eine Reihe von Hochspannungsunfällen eine öffentliche Diskussion über die Sicherheit des Wechselstroms losgetreten hatte, für sich aus: Als er den Auftrag bekam, eine neue Hinrichtungsmethode durch einen elektrischen Stuhl zu entwickeln, setzte er dafür die Wechselstromtechnik des Konkurrenten ein und nannte das Verfahren dann „to be westinghoused“. Edisons Strategie ging aber langfristig nicht auf: Trotz seines Versuch, die Technik als tödliche Gefahr zu diskreditieren, setzte sich der Wechselstrom am Ende durch.

26 Trinken Sie erstmal einen (oder besser nicht)

Die Eskalation des Streits zwischen Tycho Brahe und Manderup Parsberg ist nur eine von vielen außergewöhnlichen Geschichten, die das exzentrische Leben des dänischen Adeligen prägten. Im 15. Jahrhundert war Brahe ein herausragender Astronom, dessen Erkenntnisse den Grundstein für die Entwicklung der modernen Astronomie und Astrophysik legten. Zu seiner Zeit gab es noch kein Teleskop. Seine Beobachtungen der Fixstern- und Planetenpositionen führte er mit Hilfe eines Mauerquadranten durch. Die Präzision und der Umfang seiner Beobachtungen bleiben mehr als erstaunlich. Der legendäre Streit, der sein Leben für immer zeichnete, fand in einer Trinklaune statt. Brahe war gerade einmal 20 Jahre alt und geriet auf einer Hochzeitsfeier heftig mit seinem Cousin und Kommilitonen Parsberg zusammen. Sie waren sich über eine mathematische Formel uneinig. Ihre Meinungsverschiedenheit eskalierte schließlich in einem Duell mit Schwertern. Brahe verlor dabei einen Teil seiner Nase. Für den Rest seines Lebens trug er bei gesellschaftlichen Anlässen eine Nasenprothese, die er selbst konstruiert hatte. Angeblich bestand sie aus Gold und Silber und konnte mit einer Salbe angeklebt werden.

27 Wenn Ihnen die Argumente ausgehen: beleidigen Sie

Nur ein einziges Mal begegneten sich Arthur Schopenhauer und G.W.F. Hegel: bei einer Vorlesung Schopenhauers 1820 in Berlin über die Arten von Kausalität, wo sie kurz über die Frage stritten, was unter dem Begriff der „animalischen Funktion“ zu verstehen sei. Dass Hegel (vor allem aber dessen Studenten) kaum Notiz von ihm nahm, war vermutlich ein wesentlicher Grund, warum Schopenhauer nach Hegels Tod kontinuierlich gegen ihn und jene „Hegelei“ wetterte, die als die Philosophie schlechthin galt. Ganz im Sinne seiner Kunst, Recht zu behalten griff er dabei zu groben Beleidigungen. Hegel: „ein platter, geistloser, ekelhaft-widerlicher, unwissender Scharlatan, der, mit beispielloser Frechheit, Aberwitz und Unsinn zusammenschmierte“, „ein geistiger Kaliban“, „durchweg erbärmlicher Patron“; dessen Philosophie: „Windbeutelei und Scharlatanerei“, „unsinnige Hegelsche Afterweisheit“, „die größte Frechheit im Auftischen baaren Unsinns, im Zusammenschmieren sinnleerer, rasender Wortgeflechte, wie man sie bis dahin nur in Tollhäusern kannte“.

28 Greifen Sie zum Feuerhaken

Die erste Begegnung der beiden in Wien aufgewachsenen Philosophen Karl Popper und Ludwig Wittgenstein sollte auch die letzte sein: Im Oktober 1946 hielt Popper in Cambridge einen Vortrag über die Frage, ob es philosophische Probleme gibt. Während Popper diese Frage bejahte, argumentierte Wittgenstein, es handle sich bei den vermeintlichen Problemen nur um sprachliche Rätsel. Als der Disput hitziger wurde, fuchtelte Wittgenstein, der eigentlich das Seminar leitete, mit einem Feuerhaken herum. Popper wusste den Vorfall geschickt zu inszenieren und berichtete später, er habe die Frage nach einer allgemeingültigen moralischen Regel deshalb mit dem Beispiel beantwortet: „Man soll einem Gast nicht mit dem Feuerhaken drohen“ – daraufhin sei Wittgenstein zur Tür hinausgestürmt.

Lukas Haffert, Oliver Rymek, Erik Schilling, Ricarda Winkelmann

JAM #26 — STREIT!

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