Als Diplomatie noch nicht so sehr von abstrakten Regeln formaler Repräsentation und Protokoll geprägt war, konnten Rollenwechsel ganz konkrete Formen annehmen. Im Jahr 1664 bat der englische Botschafter, der Earl of Carlisle, in Moskau um eine Privataudienz mit dem Zaren Aleksej Michajlovič, um Druck auf die Verhandlungen aufzubauen. Dies tat Carlisle, indem er während des Treffens in die Rolle des englischen Königs schlüpfte, anstatt seinen Souverän nur zu repräsentieren. Der Gesandte adressierte den russischen Monarchen also nicht lediglich im Auftrag seiner königlichen Majestät, Karl II. In seiner Rede wechselte er die grammatische Person zu »ich« und sprach, als redete der König selbst. Durch die Illusion direkter Anwesenheit sollten sich die zwei Souveräne in »ihre klaren Augen« schauen können, um sich ihrer brüderlichen Liebe und Freundschaft zu versichern. Aus heutiger Sicht mag dieser Rollenwechsel merkwürdig erscheinen. In der Frühen Neuzeit, da sich internationale Beziehungen vornehmlich als soziale Statusbeziehungen zwischen Fürsten beschreiben lassen, gehörte das Spiel mit symbolisch-repräsentativen Formen aber durchaus zum Regelwerk höfischer Kommunikation.Jan Hennings

Jan Hennings ist Historiker und Associate Professor an der Central European University (CEU). Er ist seit 2016 Mitglied der Jungen Akademie.

Schwarze Löcher tauchen immer mal wieder auf den Titelseiten von internationalen Tageszeitungen auf – zuletzt im Frühjahr 2019, als einem internationalen Team von Wissenschaftler*innen die Aufnahme des ersten Bildes eines Schwarzen Loches gelang. ­Astrophysiker*innen haben gute Gründe anzunehmen, dass es in unserer (und anderen) Galaxien von Schwarzen Löchern nur so wimmelt. Dies hätte diejenigen Wissenschaftler*innen, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts an der theoretischen Beschreibung von Schwarzen Löchern arbeiteten, wohl überrascht. Wegen der nahezu ­unvorstellbar hohen Dichte, bei der ein Stern zu einem Schwarzen Loch kollabiert, galten sie lange als mathematische Kuriosität. Dies änderte sich erst mit Jocelyn Bel Burnell, die als Doktorandin Neutronensterne entdeckte – eine der Vorstufen von Schwarzen Löchern – und diesen damit zu einem Rollenwechsel verhalf: von theoretischer Verrücktheit zur beobachtbaren Normalität.Astrid Eichhorn

Die Physikerin Astrid Eichhorn, Mitglied der Jungen Akademie seit 2018, forscht als Professorin am CP3-Origins an der University of Southern Denmark in Odense.

Menschen erwerben neues Wissen, indem sie es in ihre bestehenden Wissensbestände integrieren. Daher wird Lernen erleichtert, wenn neue Informationen aktiv mit dem eigenen Vorwissen in Beziehung gesetzt und (Esels-)Brücken gebaut werden können. Manchmal kann auch ein Perspektivwechsel helfen, wie folgendes Experiment zeigt: Teilnehmende an einem Experiment sollten sich Paare von Gesichtern und Wörtern für einen späteren Gedächtnistest merken, wobei einige Wörter Nachnamen und andere Wörter Berufsbezeichnungen waren. Die Besonderheit war, dass einige Nachnamen auch als Berufsbezeichnungen geläufig sind (z. B. Koch). Es konnte gezeigt werden, dass sich Versuchspersonen die zugehörigen Wörter deutlich besser merken konnten, wenn sie dachten, dass es sich um den Beruf der Person handelte, da sie diese Information besser zum Brücken bauen verwenden konnten (Könnte er eine Mütze tragen? Sieht sie nicht aus wie die Köchin in der Mensa?). Wenn sich Ihnen der nächste Herr Koch vorstellt, sollten Sie ihn also auch zum Koch machen!Garvin Brod

Garvin Brod ist Professor für Psychologie am DIPF und an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Seit 2020 ist er Mitglied der Jungen Akademie.

Seit jeher gestalten wir Roboter nach menschlichem Vorbild. Mechanisch verrichten robotische Arme wiederholgenau ihre kommandierte Aufgabe, häufig eine solche, die dem Menschen körperlich auf Dauer zu anstrengend wäre. Wenn diese Aufgabe ein Einsatzgebiet umfasst, das nur schwer zu erreichen ist, durch viele enge Passagen führt, etwa bei der Sichtprüfung im Inneren einer Turbine, dann stößt die etablierte Aneinanderreihung von starren Gliedern, verbunden mit Gelenken, an ihre Grenze. Elefantenrüssel, Ameisenbärzungen, Würmer und Tentakeln sind eindrucksvolle Inkarnationen von gelenklosen Organen, die – allein durch flexible Eigenschaften und gezielte Ansteuerung von Muskelgruppen – gewandt selbst den verwinkeltsten Ort erreichen können. Vom Menschen als Vorbild ins Tierreich gewechselt, ist die revolutionierende Idee geboren, Roboter gelenklos zu bauen. Elastische Materialien und weiche Körper, intelligent vereint und gesteuert, werden so zu einem Kontinuumsroboter.Jessica Burgner-Kahrs

Jessica Burgner-Kahrs ist Professorin an der University of Toronto, Kanada, wo sie zur Kontinuumsrobotik forscht und lehrt. Sie ist seit 2016 Mitglied der Jungen Akademie.

Oluf Gerhard Tychsens 1787 veröffentlichte Interpretatio einer Kathedra mit arabischen Inschriften in San Pietro di Castello bei Venedig verursachte europaweit große Aufregung. Der örtlichen Tradition zufolge hatte der Bischofssitz dem Apostel Petrus gehört und war im 9. Jahrhundert als Geschenk des byzantinischen Kaisers nach Venedig gekommen. Tychsen, Professor für orientalische Sprachen an den Universitäten Bützow und Rostock, war anderer Meinung: »Es war aber endlich einmal Zeit, solch greuliche Lügen […] ans Tageslicht zu ziehen, damit Jünglinge mit ihren eigenen Augen sehen und übermüthige Gelehrte vor Erdichtungen sich zu hüten lehren«, schrieb er anlässlich seiner Veröffentlichung an den dänischen Gelehrten und Staatsmann Ove Høegh-Guldberg (Nachlass Tychsen, 23. August 1787). Tychsen hatte die arabische Inschrift als ein direktes Zitat aus dem Koran identifiziert. Natürlich machte diese Entdeckung eine gründliche Neuinterpretation dieser fiktiven Petrusreliquie erforderlich: vom Thron des heiligen Petrus zum muslimischen Grabstein.Isabelle Dolezalek

Isabelle Dolezalek ist Juniorprofessorin für Kunstgeschichte an der Universität Greifswald. Sie ist seit 2019 Mitglied der Jungen Akademie.

Die Vegetation auf unserem Planeten kann zwei Rollen einnehmen und zwischen diesen wechseln. Entweder ist sie primär wärmeabhängig, oder sie dürstet hauptsächlich nach Wasser. Somit können Wasser oder Wärme entscheidend sein für ihr Gedeihen – und damit auch für ihr Funktionieren beispielsweise als CO2-Speicher oder Hitzepuffer. Wir haben herausgefunden, dass wasserbestimmte Vegetation unter sommerlicher Trockenheit stärker und langfristiger leidet als energiebestimmte Vegetation, trotz teilweise tieferreichender Wurzeln. Dabei trägt wasserbestimmte Vegetation durch weniger Verdunstungskühle zum Aufheizen der Luft bei, während energiebestimmte Vegetation weiter kühlt. Außerdem zeigte sich, dass Wald- und Buschbrände öfter entstehen, wenn entweder energiebestimmte Vegetation Trockenheit erfährt und entzündlich wird – oder wasserbestimmte Vegetation mit mehr Regen besser wachsen kann, um später als Brandmaterial zu dienen. Die Unterscheidung zwischen diesen beiden Rollen der Vegetation ist abhängig vom Klima, Boden und auch der Pflanzenart. So sind Wälder typischerweise energiebestimmter als Wiesen. Generell, so darf man vermuten, könnten sich diese Rollenwechsel im Hinblick auf den Klimawandel verändern – und damit auch ihr Einfluss auf unser Wetter und unsere Ernährungssicherheit. Dazu hält hoffentlich unsere zukünftige Forschung noch einige interessante Einsichten bereit.René Orth

René Orth ist Gruppenleiter zu Hydrologie-Biospähre-Klima-Wechselwirkungen am Max Planck Institut für Biogeochemie Jena. Seit 2020 ist er Mitglied der Jungen Akademie.

Umberto Eco – bekannt als Autor des Bestsellers Der Name der Rose, verfilmt mit Sean Connery in der Titelrolle – veröffentlichte 1988 seinen zweiten Roman: Das Foucaultsche Pendel. Für beide Texte bedient sich Eco nicht nur hochkultureller Quellen – etwa literaturtheoretischer, philosophischer und historiographischer Abhandlungen –, sondern nutzt auch die Populärkultur als Inspiration: Die Romane zitieren Sherlock Holmes, James Bond und verschiedene Comic-Hefte. Drei Jahre nach der Publikation des Foucaultschen Pendels drehten die Macher der Lustigen Taschenbücher den Spieß um: In einem augenzwinkernden Rollenwechsel wurde nun Ecos Roman zum Stoff einer Erzählung mit Donald Duck und Gustav Gans. Die Geschichte »Das Pendel des Ekol« handelt davon, wie die beiden Vettern als Reporter für Onkel Dagobert arbeiten und dabei beinahe das Geheimnis des Steins der Weisen lüften. Ein mit Geheimtinte beschriebenes Papier weist den Weg, mit Hilfe einer Kerze wollen sie es entziffern, doch das Papier geht in Flammen auf – wie die Bibliothek in Ecos Der Name der Rose.Erik Schilling

Erik Schilling lehrt als Literaturwissenschaftler an der Ludwig-Maximilians-Universität München und ist seit 2018 Mitglied der Jungen Akademie.

Wissenschaftsforschung untersucht mit sozialwissenschaftlichen, historischen und philosophischen Methoden, wie Wissenschaft funktioniert. Hier ist im ausgehenden 20. Jahrhundert eine Debatte darüber entbrannt, die wie ein Metakommentar zum Thema Rollenwechsel erscheint: Was ist ein »richtiger« Rollenwechsel? Ausgangspunkt waren unter anderem Michel Foucaults Studien zu der Frage, wie Wissenschaft sich etwas zum Gegenstand macht, wie sie Wirklichkeiten auf bestimmte Weise ordnet, dabei immer auch manches ausschließt und an ihren Rändern Marginalisiertes produziert. Diese kritische (Selbst-)Erkenntnis veranlasste die Wissenschaftsforschung, gerade das historisch Marginalisierte zu einem ihrer zentralen Gegenstände zu machen. So beschreiben Autoren wie Bruno Latour den wissenschaftlichen Erkenntnisprozess als Konfiguration komplexer, mit- und ineinander verwobener Subjekte, Strukturen und Objekte. Vor allem letztere erleben in Latours Arbeit über die »Pasteurisierung Frankreichs« einen fundamentalen Rollenwechsel: Von als passiv begriffenen Objekten menschlichen Handelns werden etwa Kühe und Mikroben zu Akteuren (»Aktanten«) eigener Art. Doch diese Ausweitung des Akteurbegriffs hat immer noch den Erfolg einer neuen wissenschaftlichen Ordnung zum Gegenstand. Es reiche nicht aus, Helden wie Louis Pasteur zu dekonstruieren, argumentiert daher etwa Susan Leigh Star. Nötig sei vielmehr ein Perspektivwechsel anderer Art: Das zu Erklärende müsse sich ändern und die Wirklichkeit der Marginalisierten in den Mittelpunkt rücken. Zu erforschen, wie Wissenschaft funktioniert, bedeute dann die Bedingungen und Wirkweise von wissenschaftlichen Ordnungen anhand ihrer Unzulänglichkeiten zu erklären.Lara Keuck und Oliver Rymek

Lara Keuck ist Branco Weiss Fellow am Lehrstuhl für Wissenschaftsgeschichte der Humboldt-Universität zu Berlin und seit 2020 Mitglied der Jungen Akademie. Oliver Rymek ist Kulturtheoretiker und Wissenschaftlicher Koordinator bei der Jungen Akademie.

Jan Hennings, Astrid Eichhorn, Garvin Brod, Jessica Burgner-Kahrs, Isabelle Dolezalek, René Orth, Erik Schilling, Lara Keuck und Oliver Rymek

Rollenwechsel – 8 Vignetten

JAM #27 — Rollenwechsel

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