Editorial


 

Jeder Mensch vollzieht im Leben zahlreiche Rollenwechsel. Das kann die Wahl eines neuen Berufs sein oder der berufliche Aufstieg in eine neue Position, die mit der Leitung eines Teams verbunden ist. Es kann ein privater Rollenwechsel sein, wenn man von einer unabhängigen, freiheitsliebenden Person zu Mutter oder Vater wird und plötzlich die Verantwortung für einen weiteren Menschen trägt. Es können aber auch Rollenwechsel in kleinerem Ausmaß sein, die nicht gleich das ganze Leben auf den Kopf stellen – etwa die Entscheidung, die Planung des Sommerurlaubs einmal der Partnerin oder dem Partner zu überlassen und selbst nur genießend mitzureisen. Oder einmal etwas zu tun, das man sich sonst nicht zugetraut hätte, beispielsweise eine Rede auf einer Hochzeit zu halten.

Gemeinsam ist allen Rollenwechseln die neue Sichtweise, die mit ihnen verbunden ist. Zuvor hat man das Leben aus der einen Perspektive betrachtet (feierfreudige Studentin, planungswütiger Ehemann, Mitglied eines Teams); danach sieht die Welt plötzlich ganz anders aus (als Mutter, als urlaubender Nichtstuer, als Teamleiterin). Was der Rollenwechsel im Kleinen mit sich bringt, sieht man plötzlich vielleicht auch im Großen: Er kann dazu führen, dass man auch für Situationen, in denen man nicht unmittelbar betroffen ist, eine neue Perspektive probiert.

Private und berufliche Rollenwechsel tragen somit dazu bei, die Welt aus unterschiedlichen Perspektiven zu sehen und Pluralität zu fördern. Sie stellen Menschen vor neue Herausforderungen und lassen sie an diesen wachsen. Sie ermöglichen neue Erkenntnisse und das kritische Hinterfragen scheinbar unumstößlicher Gewissheiten.

Auch in der Wissenschaft sind Rollenwechsel allgegenwärtig. Christian Drosten war vor Corona ›nur‹ Wissenschaftler, seitdem ist er auch Wissenschaftskommunikator und »Posterboy der Stunde« (Süddeutsche Zeitung) – der biografische Wechsel eines Wissenschaftlers in neue Rollen. Der Rollenwechsel kann aber auch Gegenstand der wissenschaftlichen Untersuchung sein: Wie ändern bestimmte Tiere ihr Verhalten unter neuen Bedingungen? Wie passt sich eine Gesellschaft an neue Herausforderungen an, etwa an die Digitalisierung? Und schließlich kann ein Rollenwechsel in methodischer Hinsicht erfolgen: Eine Theorie oder ein Paradigma, das lange Zeit vorherrschend war für eine bestimmte Disziplin, wird abgelöst durch eine andere beziehungsweise ein anderes. Auch hier führt der Rollenwechsel zu neuen Erkenntnissen und dem Hinterfragen von Gewissheiten. Rollenwechsel sind also nicht nur ein vergnügliches Spiel, sondern fundamental erforderlich für die private und berufliche, die wissenschaftliche und gesellschaftliche Weiterentwicklung. Sie lassen uns die Welt anders sehen und sie lassen uns lernen. Rollenwechsel sind eine gewaltige Chance.

Dieses Postermagazin präsentiert Rollenwechsel in verschiedenen Formen und Disziplinen.

Auf der einen Seite – der Posterseite des Magazins – stellen acht Vignetten vor, welch unterschiedlichen Rollenwechseln man als Wissenschaftlerin oder Wissenschaftler begegnen kann: etwa Schwarzen Löchern zwischen theoretischer Annahme und beobachtbarer Realität, dem Thron des heiligen Petrus, der zum muslimischen Grabstein wurde, oder einem Elefantenrüssel als Vorbild für mikroskopisch arbeitende Roboter.

Die sechs Artikel auf der zweiten Seite des Magazins reflektieren das Thema Rollenwechsel in unterschiedlichen disziplinären Bezügen. Miriam Akkermann befasst sich mit Blick auf die Musik mit der Frage, wo Kunst und Kunstwissenschaft sich voneinander trennen und was es bedeutet, in beiden Welten zu Hause zu sein. Astrid Eichhorn setzte sich polemisch mit dem hergebrachten Verständnis von Führung in der Wissenschaft auseinander. Lena Hipp betrachtet die Auswirkungen der Corona-Krise auf die Rollenverteilung im Arbeits- und Lebensalltag von Familien und fragt, was sich gesamtgesellschaftlich daraus lernen lässt. Lukas Haffert setzt ebenfalls bei der Corona-Pandemie an und beschäftigt sich mit der Rolle von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in öffentlichen Debatten. Anna Cord fragt danach, wie die Rolle von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in partizipativen Forschungsprozessen neu gedacht werden kann. Philipp Kanske schließlich gibt einen Einblick, wie Rollenwechsel in psychothe­rapeutischen Zusammenhängen fruchtbar gemacht werden können.

Viel Vergnügen bei der Lektüre wünschen

Astrid Eichhorn
Michael Saliba
Erik Schilling

JAM #27 — Rollenwechsel

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Die Physikerin Astrid Eichhorn, Mitglied der Jungen Akademie seit 2018, forscht als Professorin am CP3-Origins an der University of Southern Denmark in Odense.

Der Physiker Michael Saliba, Mitglied der Jungen Akademie seit 2018, ist Professor für Optoelektronik an der ­Universität Stuttgart.

Erik Schilling lehrt als Literaturwissenschaftler an der Ludwig-Maximilians-Universität München und ist seit 2018 Mitglied der Jungen Akademie.