Über den 30-jährigen Krieg schrieb Andreas Gryphius in seinem Sonett »Thränen deß Vaterlandes / Anno 1636.«:

Wir sind doch nunmehr gantz / ja mehr denn gantz verheeret!
Der frechen Völcker Schaar / die rasende Posaun
Das vom Blutt fette Schwerdt / die donnernde Carthaun.
Hat aller Schweiß / und Fleiß / und Vorrath auff gezehret. […]
Doch schweig ich noch von dem / was ärger als der Tod /
Was grimmer denn die Pest / und Glutt und Hungersnoth
Das auch der Seelen Schatz / so vielen abgezwungen.

Dramatische Krisen werden von Menschen oft als traumatisch erlebt und können eine Reihe psychischer Störungen auslösen, am bekanntesten wohl die Posttraumatische Belastungsstörung. Es ist dabei möglich, dass die traumatisierende Situation selbst erlebt oder beobachtet wurde, dass man von einem solchen Ereignis bei einer nahestehenden Person erfahren hat oder lediglich mit detaillierten Informationen dazu konfrontiert wurde. Der Internetriese Facebook hat gerade zugestimmt, 52 Millionen US-Dollar Entschädigung an Content-Prüfer zu zahlen, die Unmengen verstörenden Bild- und Videomaterials für den Konzern gesichtet, entfernt und dadurch bereits psychische Probleme bekommen haben.

Ob sich eine Posttraumatische Belastungsstörung entwickelt, hängt von vielen Faktoren ab. So ist die Wahrscheinlichkeit bei menschengemachten Traumata deutlich höher als bei Naturkatastrophen. Das wichtigste Symptom ist das ungewollte Wiedererleben der Situation, was vom kurzen Erscheinen eines Bildes vor dem inneren Auge bis zu längerem Ausagieren einer Situation reichen kann. Von ehemaligen Kindersoldaten gibt es Berichte, dass sie ganze Kampfszenen nachspielen. Das Bewusstsein für die aktuelle Lage, in der sich die Person befindet, geht bei solchen »Intrusionen« oder »Flashbacks« verloren. Oft reicht ein scheinbar unbedeutender Hinweis, um das Wiedererleben auszulösen: etwa das Heulen einer Sirene, eine bestimmte Straßenecke oder Bewegung. Für manche Menschen findet das Wiedererleben in Form von Alpträumen statt. Gemein ist ihnen, dass es zu Belastung, Leid und Vermeidungsverhalten führt. Abhängig von der Natur der traumatischen Situation gehen manche Betroffene nicht mehr im Dunklen auf die Straße, betreten kein Krankenhaus mehr oder versuchen, alle Gedanken an das Trauma zu unterdrücken. Genau hier liegt der Schlüssel für die Therapie.

Philipp Kanske

Rollenwechsel in der Psychotherapie

JAM #27 — Rollenwechsel

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Der erste Perspektivenwechsel, den Patient*innen in einer Psychotherapie machen, besteht darin, den Blick auf das Vermeiden der Erinnerung zu ändern. Dies mag kurzfristig helfen, erhöht aber längerfristig die Wahrscheinlichkeit für neue Episoden des Wiedererlebens. Die Traumaforschung hat gezeigt, dass gerade die Vermeidung des Erinnerns dazu führt, dass das Trauma nicht wie andere Erinnerungen abgespeichert wird. Denken Sie an eine bedeutende Situation in ihrem Leben, dann können viele Details wachgerufen werden, Ihnen ist aber immer klar, dass es sich um Vergangenes handelt. Diese Kontextinformation ist bei traumatischen Erinnerungen nicht mit abgespeichert. Die Therapie beinhaltet daher das bewusste Wiedererleben. Die Möglichkeiten dafür sind vielfältig. Beispielsweise kann man eine Art Drehbuch der Situation schreiben und mit dem/der Therapeut*in lesen, es wie einen Film vor dem inneren Auge ablaufen lassen. Eine solche Aufarbeitung der Erinnerung führt dazu, dass Kontextinformationen mit ihr zusammen abgespeichert werden und sie damit zu einer normale(re)n wird.

Ein zweiter Perspektiven- und Rollenwechsel in der Therapie ist die geplante Veränderung des Drehbuchs. Wichtige Informationen, die das Trauma betreffen, aber den Blick darauf ändern, können mit eingebaut werden: »Ich habe überlebt.« »Ich könnte mich jetzt nicht an die Situation erinnern, wenn ich sie nicht irgendwie bewältigt hätte.« Manche Konstellationen eignen sich auch dazu, tatsächlich in eine andere Rolle zu schlüpfen. Wurde etwa ein sexueller Übergriff im Kindesalter erlebt, kann im Drehbuch – in der Imagination – das erwachsene Ich der Person mit hinzutreten und dem kindlichen Ich Trost spenden. Auch solche Rollenwechsel führen dazu, dass die Erinnerung neu abgespeichert wird und die Patient*innen Kontrolle darüber gewinnen, ob und wann sie sich an das Trauma erinnern.

Ein Phänomen, das in den letzten Jahren besondere Aufmerksamkeit in der Forschung gefunden hat, ist das »posttraumatische Wachstum«. Gemeint sind damit positive Folgen, über die von der Mehrheit der Überlebenden eines Traumas, mit zeitlichem Abstand, berichtet wird: eine neue Form der Wertschätzung des Lebens, intensive soziale Beziehungen oder persönliche Stärke. Vielleicht kann auch die Krisensituation, in der sich unsere Gesellschaft momentan befindet, längerfristig zu einem »Postkrisen-Wachstum« führen. Für Traumapatient*innen hängt dies davon ab, wie intensiv und mit welch verändertem Blick sie auf die Situation schauen. Eine solche Flexibilität der Perspektiven ist auch der Weltgemeinschaft zu wünschen – ein Prozess, der letztendlich aus vielen kleinen Perspektivwechseln besteht.


Philipp Kanske ist Professor für Klinische Psychologie und Behaviorale Neurowissenschaft an der Technischen Universität Dresden. Er war von 2015 bis 2020 Mitglied der Jungen Akademie.