Dem flüchtigen Blicke könnte es scheinen, als sei es zwischen Künstlern und Kunstgelehrten leicht, zur richtigen gegenseitigen Würdigung zu kommen. In einem gewissen Verstande sind es doch dieselben Aufgaben, denen beide ihre Thätigkeit widmen […] Indessen dieser Schein trügt […].  Spitta, S. 4

Was der Musikwissenschaftler und Bach-Biograf Philipp Spitta hier 1892 ausschweifend beschreibt, sind die Unterschiede, die Kunst-Schaffende und Kunst-Erforschende voneinander trennen – eine Debatte, die bis in die aktuelle Musikforschung hineinreicht. Sind doch, wie es bei Spitta bereits anklingt, viele Handlungsschritte für Wissenschaftler*innen und Künstler*innen vergleichbar: Beide starten mit einem Thema, einer offenen Frage oder einer ungewöhnlichen Beobachtung und beginnen, Informationen dazu zu suchen und Gefundenes zu sortieren. Beide entwickeln eine Vorstellung davon, welche Aspekte es lohnen, vertieft zu werden. Beide erarbeiten dazu umfassende Recherchen, entwickeln Thesen, ziehen Schlussfolgerungen, generieren einen Wissenszugewinn – und denken über Formate nach, wie dies alles in die Öffentlichkeit getragen werden kann. Und genau an dieser Stelle trennen sich die Wege.

Die Arbeitswege der Kunstwissenschaft und der Kunst dürfen niemals ineinander laufen. Zur Verhütung gegenseitiger Schädigung muß zwischen beiden Gebieten die Scheidelinie scharf gezogen sein. Wohl aber dürfen über diese Scheidelinie hinüber beide die Resultate ihrer Arbeit einander zureichen.  Spitta, S. 13

Beinhaltet das geisteswissenschaftliche Arbeiten das Ideal, untersuchte Inhalte möglichst genau zu umreißen, diese aus verschiedenen Perspektiven zu diskutieren und in einen historischen oder systematischen Kontext einzuordnen, so verlangt der künstlerische Arbeitsprozess in der Regel ein finales Ziel: die Auswahl einer Idee zur Umsetzung. Die Vielschichtigkeit, so sie denn gewollt ist, muss dabei in der Arbeit selbst angelegt sein, etwa in der Ästhetik oder der Präsentationsform. Kunst kann konfrontieren und provozieren, zum Denken anregen, Thesen aufwerfen, (richtige, falsche oder erfundene) Inhalte oder Schlussfolgerungen konstatieren, aber auch die Recherche selbst, deren Systematisierung oder das Konzept ausstellen und widerspiegeln – oder auch einfach nur unterhalten.

Miriam Akkermann

Die Kunst liegt dazwischen

JAM #27 — Rollenwechsel

> Weitere Essays

Editorial
Astrid Eichhorn, Michael Saliba, Erik Schilling

Mehr Mut zum Co-Design?
Anna Cord

Die Führungsrolle (in der Wissenschaft) muss überdacht werden – eine Polemik
Astrid Eichhorn

Rollenwechsel daheim? Familiäre Arbeitsteilung vor und nach Corona
Lena Hipp

Aus purer Neugier? Warum das Publikum sich für Wissenschaft interessiert
Lukas Haffert

Die Kunst liegt dazwischen
Miriam Akkermann

Rollenwechsel in der Psychotherapie
Philipp Kanske

Rollenwechsel – 8 Vignetten
Jan Hennings, Astrid Eichhorn, Garvin Brod, Jessica Burgner-Kahrs, Isabelle Dolezalek, René Orth, Erik Schilling, Lara Keuck und Oliver Rymek

Die Frage lautet nicht, welche Perspektive oder Ausarbeitung »besser« ist. Trotz aller Unterschiede sind beide Prozesse eng miteinander verzahnt und stehen in direkter Wechselwirkung zueinander.

Die Arbeit des Gelehrten ist eine Theilarbeit, welche der Künstler nicht kennt und nicht kennen darf. […] Eine tiefer gehende gegenseitige Beeinflussung könnte nur zu einer Verkümmerung des Besten führen, was Künstler und Gelehrte […] in sich tragen.  Spitta, S. 5f

Spittas Haltung basiert auf einer idealisierten Vorstellung von Kunst als geschlossenem Ganzen und der Forderung, der Forschende habe eine Distanz zu seinem Gegenstand zu wahren. Diese Ansicht, Kunst und Wissenschaft seien streng voneinander zu trennen, wird zum Teil bis heute vertreten, es gibt jedoch von beiden Seiten ein wachsendes Interesse an einer gemeinschaftlichen Forschung.

Gleichzeitig sind einige in beiden Welten zu Hause, haben beides gelernt und erprobt und wechseln zwischen Kunst-schaffend und Kunst-erforschend – was durchaus mit Herausforderungen verbunden sein kann. Denn es ist selten vorgesehen, beide Felder zu bedienen oder gar dazwischen hin und her zu wechseln. In der Regel wird nur das Ausfüllen einer Rolle erwartet – oder erwünscht. Denn es braucht nicht nur Zeit und Energie, um jede einzelne Rolle professionell auszufüllen, sondern auch immer beides, um von der einen Rolle in die andere zu schlüpfen – und damit Zwischenräume, die im Arbeitsalltag so zumeist nicht vorgesehen sind und aktiv geschaffen werden müss(t)en. Die Gefahr, durch eine (eindeutige) Entscheidung einen der beiden Bereiche (intentional) ins Hobby-Dasein abzudrängen, ist dabei mindestens ebenso hoch, wie die Anstrengung, die damit verbunden ist, in beiden Bereichen aktiv beheimatet zu bleiben.

Doch der Rollenwechsel schafft auch neue Freiräume im Denken, die mehr ermöglichen, als Kunst mit jeweils anderen Augen zu betrachten. Die Befähigung zum Perspektivwechsel eröffnet auch für andere Themen neue Blickwinkel und lädt zur Reflexion ein – was wiederum wissenschaftliches Arbeiten präzisieren und künstlerisches Schaffen inspirieren kann. Dennoch ist es in einigen Momenten sicherlich nötig, die eine Position zu vergessen, um der anderen umfänglich gerecht zu werden. Dann ist der Perspektivwechsel weit weg und Spittas Vorbehalt ist – in Teilen – recht zu geben. Die Kunst liegt eben dazwischen.

Quelle: P. Spitta, »Kunstwissenschaft und Kunst«, in: ders., Zur Musik. Sechzehn Aufsätze, Berlin 1892, S. 1–14.


Miriam Akkermann ist Juniorprofessorin für Empirische Musikwissenschaft an der Technischen Universität Dresden. Sie war von 2015 bis 2020 Mitglied der Jungen Akademie.