Aufgeschreckt von einer zunehmenden Elitenskepsis haben Universitäten und Forschungsorganisationen eine neue Aufgabe für Wissenschaftler*innen entdeckt: Wissenschaftsvermittlung. Forschung soll nicht mehr hinter den Mauern des in diesem Zusammenhang unvermeidlichen Elfenbeinturms verschwinden, sondern, über ihre Protagonist*innen, die Öffentlichkeit suchen und das vermutete gesellschaftliche Verlangen nach wissenschaftsbasierter Orientierung stillen.

Allerdings steht zu befürchten, dass man Motiv und Dringlichkeit dieses Verlangens dabei kräftig überschätzt. Ist die Öffentlichkeit wirklich auf der Suche nach neutralen Expert*innen, die einen möglichst umfassend abgesicherten Forschungsstand kommunizieren? Oder hat sie ganz andere Rollenerwartungen an die Wissenschaftler*innen?

Diese Frage ist für das Selbstverständnis öffentlicher Wissenschaft sehr wichtig, denn diese kann der Öffentlichkeit bestenfalls ein Kommunikationsangebot machen. Wie dieses Angebot allerdings aufgenommen und weiterverarbeitet wird, ist ganz entscheidend von der öffentlichen Nachfrage abhängig. Es sind nicht die Wissenschaftler*innen, die sich eine Rolle aussuchen – vielmehr ist es das Publikum, das ihnen eine Rolle zuweist.

Das Publikum, das sich dafür entscheidet, uns Wissenschaftler*innen zuzuhören oder unsere Texte zu lesen, bringt natürlich eigene Motive und Erwartungen mit – sonst würde es sich die Mühe ja gar nicht machen. Die wenigsten Leute interessieren sich für wissenschaftliche Ergebnisse, weil sie diese einfach spannend finden. Vielmehr interessieren sie sich für die Aussagen von Wissenschaftler*innen, weil sie eine wissenschaftliche Bestätigung ihrer eigenen Meinung suchen. Das mag bei bestimmten Naturwissenschaften etwas anders sein, wie populäre Wissenschaftsformate in den Medien zeigen, in den Sozialwissenschaften aber ist es fast immer so. Die Zahl der Menschen, die Bücher von Thomas Piketty gelesen (oder zumindest gekauft) haben, weil sie Ungleichheit für ein Problem halten, dürfte die Zahl derjenigen, die Ungleichheit für ein Problem halten, weil sie Das Kapital im 21. Jahrhundert gelesen haben, weit übersteigen. Wissenschaftler*innen kommunizieren also in den seltensten Fällen in einen Raum neutraler Neugier hinein.

Lukas Haffert

Aus purer Neugier? Warum das Publikum sich für Wissenschaft interessiert

JAM #27 — Rollenwechsel

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Letztlich gilt das sogar in Krisensituationen wie während der Corona-Pandemie. Zu Beginn dieser Krise waren viele Menschen genuin orientierungslos und suchten nach Information und Einordnung. In dieser Situation trafen Wissenschaftler*innen tatsächlich auf ein Publikum, das sich noch keine eigene Meinung gebildet hatte und jetzt nach einer Grundlage für seine Meinungsbildung suchte. Die Pandemie zeigt aber auch, wie schnell sich das ändern kann. Schon bald hatten diejenigen, die sich eine schnelle Aufhebung der Beschränkungen wünschten, ebenso wie diejenigen, die noch schärfere Maßnahmen befürworteten, ihre jeweiligen Lieblingsvirologen gefunden.

Ein großer Teil der wissenschaftlichen Kommunikation hat also nicht den Effekt, die Öffentlichkeit für etwas zu interessieren oder von etwas zu überzeugen. Vielmehr dient sie Menschen, die schon an etwas interessiert und von etwas überzeugt sind, dazu, sich Munition zur Verteidigung ihrer Überzeugungen zu verschaffen.

Das klingt zunächst ziemlich frustrierend. Wenn Wissenschaftler*innen dazu verdammt sind, nur eine Rolle in einem Stück zu spielen, das bereits geschrieben ist, warum sollten sie sich dann überhaupt auf einen solchen Rollenwechsel einlassen? Sollte man das Publikum nicht einfach seinen vorgefertigten Meinungen überlassen?

Ich glaube das nicht. Auch wenn Wissenschaftler*innen kaum Einfluss darauf haben, welche Debatten in der Öffentlichkeit stattfinden, so können sie immerhin beeinflussen, mit welchen Argumenten diese Debatten geführt werden. Und das ist nicht egal. Dass eine gesellschaftliche Auseinandersetzung mit guten Argumenten geführt wird, hat nicht bloß (aber auch!) einen intrinsischen Wert. Denn selbst wenn die Wissenschaft diejenigen nicht erreicht, die sich für ein Thema bislang nicht interessieren, so tun es vielleicht andere Debattenakteur*innen, die sich der wissenschaftlichen Argumente bedienen. Dabei aber macht es durchaus einen Unterschied, ob sie dies mit guten oder schlechten Argumenten tun.

Wissenschaftler*innen sollten sich also nicht einreden, sie könnten als neutrale Quellen einer höheren Weisheit an öffentlichen Debatten teilnehmen. Das würde nicht nur ignorieren, dass Wissenschaftler*innen auch selbst bestimme Überzeugungen und Weltanschauungen mitbringen. Es verkennt auch, dass sie in öffentlichen Debatten eine Rolle spielen, die ihnen jemand anders zugedacht hat. Die Position des/der Wissenschaftler*in in der Gesellschaft ist nicht mehr als eine Rolle – aber diese Rolle kann trotzdem wichtig sein.


Der Politologe Lukas Haffert forscht am Institut für Politikwissenschaft der Universität Zürich. Er ist seit 2018 Mitglied der Jungen Akademie.