Familienalltag im April 2020. Eine junge Frau, Mutter zweier Kinder, verlässt morgens das Haus, um zur Arbeit zu gehen. Schließlich gehört sie zu den »Systemrelevanten«. Erst letzte Woche hat sie ihre Stundenzahl aufgestockt. Vor der Geburt ihres zweiten Kindes hatte sie nur Teilzeit gearbeitet. Aber jetzt, da ihrem Mann, der selbstständig ist, durch Corona die Aufträge wegbrechen, ist die Familie auf ein volles Gehalt angewiesen. Zum Glück gibt es außerdem das Elterngeld. Er hat gerade eine Verlängerung beantragt.

Corona wirbelt den Familien- und Arbeitsalltag durcheinander und macht in dieser kleinen Familie vieles möglich, was zuvor unmöglich schien: Er verbringt mehr Zeit mit den Kindern, so wie er sich das wünschte. Sie bekommt wieder die berufliche Anerkennung, die ihr oft gefehlt hat. Welche Folgen hätte es, wenn ein solcher Rollenwechsel kein Einzelfall wäre?

In Deutschland ist, wie in vielen anderen Ländern auch, die bezahlte wie auch die unbezahlte Arbeit sehr ungleich aufgeteilt. Männer verbringen an einem Werktag etwa drei Stunden mehr mit Erwerbsarbeit als Frauen. Dafür aber verwenden sie weniger als die Hälfte der Zeit, die Frauen dafür aufbringen, mit Hausarbeit und Kinderbetreuung. Ähnliche Missverhältnisse gibt es bei betreuungsbedingten Erwerbsunterbrechungen – und das trotz der steigenden Zahl der Väter, die seit der Einführung des Elterngeldes in Elternzeit gehen. Rund ein Drittel der Väter nimmt heute Elternzeit, meist jedoch nur die zwei Monate, die der Gesetzgeber dann gewährt, wenn beide Eltern Elternzeit nehmen.

Grundlegende Veränderungen dieser Arbeitsteilung nach Geschlechtern – wie sie in den ersten Wochen nach den Schul- und Kitaschließungen in vielen Haushalten zu beobachten sind – könnten zu einer massiven Reduzierung von Geschlechterungleichheiten führen.

Lena Hipp

Rollenwechsel daheim? Familiäre Arbeitsteilung vor und nach Corona

JAM #27 — Rollenwechsel

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Zur Veranschaulichung: Der unbereinigte »Gender Pay Gap« – die durchschnittliche Einkommensdifferenz zwischen erwerbstätigen Frauen und Männern – liegt in Deutschland bei etwas mehr als 20 Prozent. Ursächlich dafür sind neben der unterschiedlichen Berufswahl von Männern und Frauen und der Lohndiskriminierung gegenüber dem weiblichen Geschlecht vor allem Unterschiede in der Arbeitserfahrung – und eine nicht-qualifikationsadäquate Beschäftigung vieler Frauen nach dem Wiedereinstieg in den Beruf. Noch eindrücklicher sind die Konsequenzen der ungleichen Verteilung von Familien- und Erwerbsarbeit am Ende des Erwerbslebens: Der »Gender Pension Gap« liegt in den ostdeutschen Bundesländern bei rund 30 Prozent, in den westdeutschen sogar bei über 60 Prozent. Das »bisschen Haushalt« macht sich also nicht nur nicht von allein – was spätestens im »Dauer-Homeoffice« auch den Letzten klar geworden sein dürfte –, sondern akkumuliert sich und führt zu großen finanziellen Nachteilen.

Ein Rollenwechsel wäre also wünschenswert – und zwar auch, weil die ungleiche Verteilung bezahlter und unbezahlter Arbeit nicht den Wünschen von Männern und Frauen entspricht. Fragt man Eltern kleiner Kinder nach einer idealen Aufteilung von Familien- und Erwerbsarbeit, so geben rund drei Viertel der Väter an, sie würden gerne weniger Stunden im Job und mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen. Allerdings wollen Mütter – auch die in Teilzeit – nicht unbedingt mehr in ihrem Beruf arbeiten. Dies ist mit einem Partner in einem Vollzeitjob, womöglich noch mit Überstunden, auch nur schwer möglich.

Ist es wahrscheinlich, dass sich die Rollenwechsel verstetigen, die wir in Zeiten von Kurzarbeit, Ausgangssperren und der Schließungen von Schulen und Kindertagesstätten beobachten? Die Änderungen im Alltag, die wir durch Corona erlebt haben, böten prinzipiell einen Ansatz dafür. Allerdings weist schon jetzt eine Reihe von Entwicklungen in eine andere Richtung: Wenn Kitas und Schulen nun schrittweise wieder geöffnet und keine Ausgleichslösungen geschaffen werden, bleibt der Rund-um-die-Uhr-Betreuungsbedarf in vielen Familien bestehen und das womöglich für einen nicht absehbaren Zeitraum. Die Abwägung, wer zu seinem Job zurückkehrt, sobald dies möglich ist, wird in den meisten Familien einem ökonomischen Kalkül folgen. Das ist verständlich, wird aber die oben skizzierten Ungleichheiten weiter verstärken. Außer vielleicht in Familien, in denen die Frau bereits als »systemrelevant« und der Mann als »krisengefährdet« gilt, und in denen der Rollenwechsel somit schon zum Alltag gehört. Sicher wäre es wünschenswert, dass die Corona-Krise darüber hinaus das Nachdenken über den Rollenwechsel und sein Potenzial in der Gesellschaft intensiviert.

Detaillierte Informationen zu den im Text verwandten Zahlen finden Sie unter: https://www.wzb.eu/de/forschung/dynamiken-sozialer-ungleichheiten/arbeit-und-fuersorge/projekte


Lena Hipp ist Professorin für Sozialstrukturanalyse an der Universität Potsdam sowie Forschungsgruppenleiterin am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung. Seit 2017 ist sie Mitglied der Jungen Akademie.