Das Klischee von der »Wissenschaft im Elfenbeinturm« besteht bis heute, entspricht aber längst nicht mehr der Realität. Im Gegenteil: Die Vermittlung von Forschung und deren Inhalten an Zielgruppen außerhalb der Wissenschaft stellt inzwischen in vielen Disziplinen eine wesentliche Komponente des wissenschaftlichen Alltags dar. Insbesondere jüngere Wissenschaftler*innen schlüpfen für verschiedenste Formate (z. B. Science-Slam, Podcast, Blog) immer häufiger in eine andere Rolle: als »Entertainer*in«, Vermittler*in, Wissenschaftsjournalist*in. Doch wie weit soll der Dialog zwischen Wissenschaft und Gesellschaft gehen? Genügt es, Methoden und Ergebnisse lediglich zu kommunizieren und zugänglich zu machen? Oder sollte man die Öffentlichkeit schon bei der Definition von Forschungsfragen miteinbeziehen und das Verhältnis insgesamt wesentlich dialogischer gestalten? Insbesondere in einigen angewandten Forschungsbereichen zu Themen wie Nachhaltigkeit und Umweltschutz etabliert sich zunehmend die Ansicht, dass nur eine Zusammenarbeit beim »Design« von Forschung (»Co-Design«) und bei der »Produktion« von Wissen (»Co-Production«) dazu führen wird, dass wissenschaftliche Erkenntnisse tatsächlich Eingang in Politik und Praxis finden.

Die Idee des Co-Designs hat ihre Wurzeln in partizipativen Forschungsansätzen, die in den 1970er-Jahren in Skandinavien entwickelt wurden. Es handelt sich hierbei um den Versuch, alle Beteiligten (sogenannte Stakeholder, z. B. Kund*innen, Bürger*innen und Endnutzer*innen) aktiv in den Arbeits- und Gestaltungsprozess einzubeziehen, um sicherzustellen, dass die Forschung an ihren Bedürfnissen orientiert und das Ergebnis somit wirklich nutzbar ist. Co-Design stellt somit einen grundlegenden Wandel in der traditionellen Beziehung zwischen Designer*in und Klient*in bzw. zwischen Wissenschaftler*in und Anwender*in dar. »Design« ist hier nicht im engen Sinn zu verstehen; vielmehr geht es ganz allgemein um die Planung oder Entwicklung einer (wissenschaftlichen) Methode oder eines (Forschungs-)Projektes.

Anna Cord

Mehr Mut zum Co-Design?

JAM #27 — Rollenwechsel

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Der Co-Design-Prozess ist inklusiv und partizipativ, das heißt, dass er Vertreter*innen möglichst aller Stakeholder-Gruppen beteiligt, deren Ideen, Ratschläge und Rückmeldungen gleichwertig einbezieht und diese in einem Dialog mit der Erfahrung, den Fachkenntnissen und den Forschungsideen der Wissenschaftler*innen in Verbindung bringt – und zwar idealerweise bereits von der Formulierung des Themas an bis hin zur Entwicklung und Erprobung von Lösungen. Stakeholder und Forscher*innen verfügen oft über sich ergänzende Kenntnisse und Fähigkeiten, die allesamt entscheidend zur Problemlösung beitragen können. Es ergibt also Sinn, diese Synergien zu nutzen, wie erfolgreiche und wegweisende Beispiele aus den Bereichen Softwaredesign, Architektur und Medizin bereits gezeigt haben.

Doch wie sieht die Rolle von Wissenschaftler*innen in einem Co-Design-Prozess aus? Zunächst einmal stellen sich jede Menge neue Herausforderungen: Wir alle sind es gewohnt, neue Forschungsideen und -ansätze zu entwickeln oder unsere Forschungsergebnisse vor Fachpublikum zu präsentieren und zu diskutieren. Aber wie vermittle ich die »Funktionsweise« von Forschung an Stakeholder, die noch nie im Bereich der Forschung gearbeitet haben? Wie gehe ich damit um, wenn meine – aus der eigenen Sicht geniale – Forschungsidee von den Stakeholdern als irrelevant abgetan wird? Wie moderiere ich die mitunter starke Heterogenität (an Wissensständen, Erfahrungen, Hintergründen, Interessen …) der Beteiligten und wie mache ich diese produktiv? Was man ohne Zweifel braucht, sind: Offenheit, Neugier, Diskussionsfreude und die Bereitschaft, sich auf andere(s) »einzulassen«, verschiedene Rollen einzunehmen (etwa als Wissenschaftler*in und Moderator*in) und sich aus der eigenen »Komfortzone« hinauszuwagen.

Wer wagt, gewinnt also! Doch was eigentlich? Zu den unmittelbaren Vorteilen und Potenzialen gehören die Generierung neuer, kreativer Ideen mit einem hohen Grad an praktischer Anwendbarkeit, die sofortige Validierung von Ideen oder Konzepten und das Erzielen von (in vielen Fällen) besser differenzierten Ergebnissen oder Produkten. Andererseits: Co-Design ist ein iterativer Prozess, kein einzelnes »Event«. Ideen und Lösungen werden fortlaufend mit den Teilnehmer*innen getestet und bewertet. Ein solcher Prozess braucht Zeit und Ressourcen – fast immer erfordern solche Forschungsprojekte daher längere Laufzeiten, mehr Mittel und ein besonders hohes persönliches Engagement der Beteiligten. Lohnt sich der zeitliche und finanzielle Aufwand eines Co-Design-Prozesses also überhaupt? Welche Opportunitätskosten entstehen mir als Wissenschaftler*in zum Beispiel durch die zusätzlich investierte Zeit, die mir für anderes fehlt? Wird co-produziertes Wissen tatsächlich eher akzeptiert und implementiert? Und was sind die maßgeblichen Umstände, die zu erfolgreichen Projekten führen? Hier gibt es noch viel gemeinsam zu lernen – bleiben wir also im Dialog!


Anna Cord ist Professorin für Modellbasierte Landschaftsökologie an der Technischen Universität Dresden. Sie ist seit 2019 Mitglied der Jungen Akademie.