Dass Dinge kompliziert sind, gehört zu den Binsenweisheiten, auf die sich fast alle Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler einigen können. Gute Wissenschaft ist sich der begrenzten Reichweite der eigenen Theorien bewusst. Monokausale Erklärungen gelten zu Recht als unterkomplex, weshalb eindeutige Handlungsanweisungen für die Politik nur selten von Wissenschaftlern zu bekommen sind. Legendär ist das Bonmot von Harry S. Truman, der sich einen einarmigen Ökonomen wünschte, weil Ihm das „Einerseits-Andererseits“ seiner Wirtschaftsberater auf die Nerven ging. Wissenschaft ist insofern eine Übung in Mehrdeutigkeit und damit auch Bescheidenheit.

Aber auch hier gibt es ein „Andererseits“. Denn was eine wichtige Grundlage guter Forschung ist, kann zugleich die wissenschaftliche Streitkultur beschränken. Schließlich können theoretischer und methodischer Pluralismus auch zu einem Mangel an Auseinandersetzung führen. Statt sich durch eine inhaltliche Konfrontation gegenseitig zu befruchten, entwickeln sich forschende Parallelgesellschaften. Oder Konflikte werden vermieden, indem jede Seite der anderen zugesteht, lediglich einen Teil der Wahrheit abzudecken.

Wie kann es anders gehen? Vielleicht lohnt sich der Blick auf das sogenannte Debattieren, das in Deutschland in zahlreichen studentischen Debattierclubs gepflegt wird. In Anlehnung an ein fiktives Parlament streiten sich hierbei zwei Parteien, wobei sie die zu vertretende Seite – Pro oder Contra – im Vorfeld zugelost bekommen. Das Debattenthema kann aus praktisch jedem Bereich stammen: Existiert Gott ? Soll man militärisch intervenieren, um humanitäre Krisen zu verhindern? Sind Geisteswissenschaften wichtiger als Naturwissenschaften?

Das Interessante an diesem Format ist nun, dass das Regelwerk die Parteien zwingt, eindeutig Stellung zu beziehen. Denn das Ziel der Debatte besteht nicht darin, einen Konsens oder Kompromiss zwischen beiden Positionen herbeizuführen. Stattdessen geht es darum, argumentativ zu „beweisen“, dass die eigene Seite recht und die andere unrecht hat. Nach der Debatte gewichtet eine Jury die Argumente und entscheidet auf dieser Basis, welche Seite gewonnen hat.

Michael Saliba und Lukas Haffert

Vom Nutzen einer regelgeleiteten Konfrontation

JAM #26 — STREIT!

> Weitere Essays

Editorial
Lukas Haffert, Oliver Rymek, Erik Schilling, Ricarda Winkelmann

Effektvoll streiten
Lukas Haffert, Oliver Rymek, Erik Schilling, Ricarda Winkelmann

So richtig gelungen streiten – ein Plädoyer für die Diversität
Astrid Eichhorn

Diskutierst du noch oder kreischst du schon?
Nausikaä El-Mecky

Zuspitzen oder Untergehen: Der öffentliche Streit um den Islam
Simon Wolfgang Fuchs

Wie sich die Digitalisierung auf die Streitkultur auswirkt
Dirk Pflüger

Über das Streiten in der Rechtswissenschaft
Timo Rademacher

Vom Nutzen einer regelgeleiteten Konfrontation
Michael Saliba und Lukas Haffert

 

Dahinter steht die Idee, dass sich neue Erkenntnisse gerade nicht durch den kleinsten gemeinsamen Nenner zwischen den unterschiedlichen Positionen gewinnen lassen, sondern dadurch, dass fundamentale Unterschiede möglichst klar benannt werden. Es geht darum, gedankliche Klarheit zu ermöglichen, indem die Grundsatzfragen eines Konflikts herausarbeitet werden.

Das heißt jedoch nicht, dass sich auch das Publikum klar für „schwarz“ oder „weiß “ entscheiden muss. Denn die Dinge bleiben komplex und es kommt auf Nuancen an. Aber der Grundgedanke einer Debatte lautet, dass sich eine Synthese am besten dann finden lässt, wenn man vorher These und Antithese in ihrer stärksten und klarsten Form kennengelernt hat.

Die künstlich geschaffene Form des Debattierens erleichtert dies, indem die Positionen nur für die Dauer der Debatte vertreten werden. Streitende Wissenschaftler hingegen treten selbstverständlich für ihre Überzeugungen ein. Das heißt aber nicht, dass sie nicht auch von einer regelgeleiteten Konfrontation profitieren, die eine möglichst klare Gegenposition einfordert. Ihr Publikum tut das in jedem Fall.


Der Physiker und Optoelektroniker Michael Saliba, Mitglied der Jungen Akademie seit 2018, forscht an der Technischen Universität Darmstadt.

Der Politologe Lukas Haffert, Mitglied der Jungen Akademie seit 2018, forscht am Institut für Politikwissenschaft der Universität Zürich.