Gäbe es eine außerwissenschaftliche Instanz, die am Ende des Tages darüber entscheiden dürfte, wer im wissenschaftlichen Streit recht hat und wer nicht, so würde das die Streitkultur einer Wissenschaft ganz erheblich beeinflussen. Für die Rechtswissenschaft ist das der Fall. Denn das Kerngeschäft deutscher Juraprofessoren und -professorinnen besteht nach wie vor darin, mittels hermeneutischer Methoden danach zu „forschen“, welche Auslegung einer bestimmten Rechtsnorm die „richtige“ ist. Exakt das ist auch die Aufgabe der Gerichte. Rechtswissenschaftliche Forschung ist damit – im Gegensatz zu vielen anderen Geisteswissenschaften – unmittelbar praktisch anwendbar. Sie ist damit aber vielleicht auch etwas weniger Wissenschaft als die anderen und ein wenig mehr Handwerk.

Und ein Handwerk muss vor allem funktionieren. Streiten Rechtswissenschaftler mit anderen Rechtswissenschaftlern über eine Auslegungsfrage, schielen sie dabei zugleich mit einem Auge darauf, ob ihre Argumente vom Bundesverfassungsgericht, vom Bundesgerichtshof oder vom Bundesfinanzhof übernommen werden. Ist es doch die Krönung einer jeden Forscherkarriere, zustimmend im Urteil eines Höchstgerichts zitiert zu werden. Das sorgt dafür, dass der Streit diszipliniert verläuft. Denn der stete Seitenblick nach Karlsruhe, München oder Leipzig (nicht wirklich nach Luxemburg , denn der Gerichtshof der EU hört ohnehin nicht zu) zwingt zur klaren Artikulation von Gedankengängen.

Für und Wider müssen darlegt werden und intersubjektiv nachvollziehbar sein, wenn man überzeugen will, denn keine Richterin hat Zeit oder Lust, verschwurbelte Schachtelsätze mit unklaren Bezügen zu entwirren, wie sie in anderen Wissenschaften manchmal üblich sind. Andererseits bremst diese Kultur auch ein wenig den Wagemut, Thesen zu denken und zu äußern, die gänzlich abseits der von den Gerichten ausgetretenen Pfade liegen. Starrsinniges Beharren auf, sagen wir, zweifelhaften Rechtspositionen lässt sich wunderbar als „Rechtssicherheit“ verkaufen.

Timo Rademacher

Streiten in der Rechtswissenschaft

JAM #26 — STREIT!

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Nun gibt es Rechtswissenschaftler, die nicht mitspielen und keine Hermeneutik-Handwerker sein wollen: Sie erschließen sich die Nachbarwissenschaften, betreiben Rechtssoziologie, Rechtsphilosophie oder Verwaltungswissenschaften. Ein wenig beeinflusst das dann auch deren Streitkultur. Einer gänzlichen Übernahme der „fremden“ Art des Streitens steht aber eines effektiv entgegen: Diese Themen beziehungsweise Fächer sind nicht examensrelevant. Und Jurastudierende wollen spätestens ab dem vierten Semester nichts mehr hören, was nicht examensrelevant ist. Somit sind auch die Nicht-Handwerkerinnen unter uns immer wieder dazu gezwungen, wissenschaftlichen Streit anhand der klassischen juristischen Muster zu lehren. Die Handwerkskultur bleibt damit mitprägend für ihr Forschen und folglich auch für ihr Streiten.


Der Rechtswissenschaftler Timo Rademacher, Mitglied der Jungen Akademie seit 2018, forscht am Institut für Medien- und Informationsrecht der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg.