Über Jahrtausende waren die klassischen Diskussionsformen nur wenigen Personen vorbehalten. Gesellschaftlicher Stand, Bildung sowie Lese- und Schreibkundigkeit schlossen lange Zeit ganze Bevölkerungsschichten aus, so dass am politischen Streit nur wenige partizipieren durften. Einen Zugang zu Ciceros mit Stilmitteln gespickten Reden etwa besaßen fast ausschließlich die Mitglieder der römischen Oberschicht. Später standen die London Debating Societies formal zwar allen Menschen offen, unabhängig von Geschlecht und sozialem Hintergrund, aber davon profitierten trotzdem eher die Mitglieder der aufsteigenden Mittelschicht als die armen Dockarbeiter.

Des Weiteren konnten Diskurse bis weit in die Neuzeit hinein oft nur per Brief ausgefochten werden, was sie langsam und langwierig werden ließ. Der Briefwechsel zwischen Lasalle und Marx umfasste mehr als 130 Briefe, die sie innerhalb von 14 Jahren austauschten. Wer noch selbst versucht hat, klassische Brieffreundschaften zu pflegen, kann ein Lied über die dafür not­wendige Geduld singen. Nicht jeder Brief wurde abgeschickt, sondern überdacht und die Argumente neu formuliert. Der Diskurs unterlag Konventionen und Regeln.

Die Digitalisierung hingegen führte zu gewaltigen Umwälzungen der Debatten- und Streitkultur. Das Netz kennt kaum Barrieren, insbesondere keine publizistischen Zugangsbeschränkungen hinsichtlich Herkunft und Bildungsschicht. Der „Marktplatz“, auf dem sich in Rousseaus reiner Demokratie alle Menschen treffen, steht im Netz für jedermann offen. Die rhetorischen Formen befreien sich im digitalen Raum von Regularien und müssen allenfalls die Netiquette einhalten. Auf diese Weise ist eine deutlich höhere Diversität an Formaten und Partizipationsmöglichkeiten entstanden. Der Diskurs ist endlich im Zentrum der Gesellschaft angekommen.

Wo Licht ist, ist auch Schatten: Die Anonymität, die erst die Befreiung von Stand und Herkunft ermöglicht, verringert die Hürde zum Verfassen eigener Beiträge und erfordert kaum Reflexion. Die Hemmschwelle zur Verunglimpfung oder Beleidigung ist niedriger geworden. Spontaner Streit wirkt zwar authentischer, doch trägt der kollektive Shitstorm keinesfalls zu einem gelungenen Diskurs bei.

Dirk Pflüger

Wie sich die Digitalisierung auf die Streitkultur auswirkt

JAM #26 — STREIT!

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Ein zweiter Schatten ist der Aktualitätsdruck: Wer in der digitalen Konkurrenz um Likes und Retweets – also um Belohnung – mitspielen will, kann nicht lange an Formulierungen feilen und Beiträge überarbeiten. Ganz im Gegensatz zum langsamen Briefwechsel zählt der Moment : Wer als erster in 140 oder mehr Zeichen kommentiert, macht das Rennen.

Drittens führt die Digitalisierung zu einer stärkeren Polarisierung des Diskurses. Die sozialen Medien und das Internet werden zum sich verstärkenden und bestätigenden System. Meist hält man sich in sogenannten Filterblasen auf: Die Auswertung und Organisation digitaler Partizipation mithilfe künstlicher Intelligenz führt dazu, dass wir häufig nur noch mit dem konfrontiert werden, was wir hören und sehen wollen. Vor dem digitalen Zeitalter war ein nicht unerheblicher Aufwand erforderlich, um ein gewisses Weltbild aufrechtzuerhalten und die Konfrontation mit anderen Meinungen und Ansichten zu vermeiden. Heute hingegen ist ein recht großer Aufwand nötig, um aus den Filterblasen wieder auszubrechen.

Allerdings bietet die digitale Welt bis dato unerreichte Möglichkeiten, sich rechtzeitig vor einem qualifizierten Streitgespräch eingehend über ein Thema zu informieren. Wir streiten viel öffentlicher und viel häufiger als früher. Deshalb wäre es falsch, ein Zurück zum vermeintlich besseren Streit der Vergangenheit anzustreben. Stattdessen sollten wir unsere Energie darauf verwenden, Falschinformationen besser einzudämmen, um uns nicht von ihnen beeinflussen zu lassen – ohne dass dabei jedoch unliebsame Ansichten unterdrückt werden. Dafür sind sinnvolle Grenzen der Meinungsfreiheit offen auszuhandeln und eine (neutrale) Moderation des digitalen Streits zu etablieren.


Der Informatiker Dirk Pflüger, Mitglied der Jungen Akademie seit 2015, forscht am Institut für Parallele und Verteilte Systeme an der Universität Stuttgart.