Die Islamwissenschaft verstand sich lange Zeit als ein gemütliches Orchideenfach – bis zu den Terroranschlägen am 11. September 2001. Danach war es schlagartig vorbei mit dem Fokus auf Handschriften-Editionen, mittelalterlicher Philosophie oder osmanischer Verwaltungsgeschichte des 19. Jahrhunderts. Die fassungslose Öffentlichkeit forderte zu Recht unmissverständliche Antworten ein. Zunächst ging es um das Wesen des als globalisiert und doch „mittelalterlich“ wahrgenommenen Islams, dann mehr und mehr um die Lebensrealität von Musliminnen und Muslimen in Europa. „Warum hassen sie uns ? “, wurde gefragt und : „Können wir ihnen wirklich trauen? “. Als im Herbst 2015 hunderttausende geflüchtete Menschen innerhalb weniger Monate nach Europa kamen und die Migration von vielen als unmittelbare Bedrohung durch eine „fremde“ Religion gesehen wurde, stiegen die Erwartungen an die Islamwissenschaft weiter an.
Seit jeher bot unser kleines Fach die Möglichkeit zum inhaltlichen Spagat : Besteht doch gerade ein besonderer Reiz darin, Vormoderne und Gegenwart in Forschung und Lehre zusammenzudenken und zu behandeln. In­nerhalb universitärer Mauern hat sich daran auch wenig geändert. Wir können uns weiterhin aussuchen, ob wir ein Seminar zum modernen Afghanistan, zu muslimischen Reichen seit dem 16. Jahrhundert oder zum Verhältnis von Staat und Religion im Nahen Osten unterrichten wollen.

Sobald wir uns aber in die Öffentlichkeit wagen, sind wir nicht mehr selbstbestimmt in der Auswahl der Themen und Herangehensweisen. Wenn wir für Gastbeiträge und Talkshowauftritte angefragt werden oder auch selbst multimedial intervenieren, geht es nicht darum, neueste wissenschaftliche Erkenntnisse in den öf­fen­tlichen Diskurs einzuspeisen. Je nach persönlichem Hintergrund sollen wir zumeist meinungsbildend über beziehungsweise für den Islam sprechen: über Sexuali­tät, Demokratieverständnis und Salafismus.

Gegenüber den allgegenwärtigen Scharfmacherinnen und Scharfmachern gerät man schnell ins Hintertreffen. Eine Erörterung der Komplexität ist nicht gefragt. Differenzierte Beiträge ohne pointierte Zuspitzung gehen im medialen Raum schlicht unter. Wollen wir gehört werden, dürfen wir uns bedauerlicherweise nicht mit Multiperspektivität aufhalten, sondern müssen klar Farbe bekennen und uns auf eine „Seite“ schlagen, Bauchschmerzen hin oder her. Eine lautstarke Minderheit innerhalb unseres Faches nutzt ihre universitäre Autorität ganz unbekümmert, um in erster Linie „Feindaufklärung“ zu betreiben: Unverhüllt ist von kommenden Kulturkonflikten die Rede, von unüberwindbaren Gräben und vom „dunklen Islam“ als angeblicher Gefahr für das „freiheitlich-strahlende“ Europa.

Simon Wolfgang Fuchs

Zuspitzen oder untergehen:
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JAM #26 — STREIT

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Darüber hinaus drängen auch selbsternannte Expertinnen und Experten in Talkshows, auf den Büchermarkt und in die sozialen Netzwerke. Sie halten sich nicht damit auf, Fachliteratur zu lesen und ignorieren existierende Forschungsarbeiten. Negative oder positive persönliche Erfahrungen oder auch Sprachkenntnisse geben ein scheinbar viel überzeugenderes und authentischeres Bild ab. Auch werden Tagungen veranstaltet, die gar nicht erst Empirie-basiert sein wollen. Der jüngste Kopftuchstreit an der Universität Frankfurt im Mai 2019 hat gezeigt, dass es vor allem darum ging, polarisierende Positionen aufeinanderprallen zu lassen.

Mit Wissenschaft hat das nicht viel zu tun – mit Meinungsmache umso mehr. Höchste Zeit, dass wir diesen Sachverhalt akzeptieren. Die Debatte um den Islam bedarf mehr als unserer differenzierten Publikationen. Es obliegt uns, den Streit zu suchen. Mit Leidenschaft und Klarheit. Zugespitzt und auch herausfordernd, aber nie polemisch – ganz im Vertrauen auf die Stärke der offenen Gesellschaft und das bessere Argument.


Der Islamwissenschaftler Simon Wolfgang Fuchs, Mitglied der Jungen Akademie seit 2019, forscht am Orientalischen Seminar der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg.