Die Wissenschaft lebt von Uneinigkeit, könnte man behaupten. Ihre großen Helden sind diejenigen, die sich mit Gefahr für Reputation oder sogar Leben in den Kampf gegen herrschende Auffassungen stürzen. Aber auch für diejenigen unter uns, die keine Galileis oder Helen Kellers sind, gibt es ausreichend Gelegenheiten, um zu widersprechen.
Das ist sogar institutionalisiert: Interne fachliche De­batten und Podiumsdiskussionen sind ein wichtiger Bestandteil der wissenschaftlichen Landschaft. Hier läuft es scheinbar ganz anders als bei der Streiterei zu Hause darüber, wer als letzter den Müll rausgebracht hat : Für die akademische Debatte gilt – wie auch bei der Mafia – die Parole it’s just business, nothing personal.

Selbst wenn du die Mehrheit deiner wachen Stunden über das Diskussionsthema forschst und nichts dir im Leben wichtiger ist, zeigst du nie deine intimsten Emotionen. Stattdessen operierst du kaltblütig mit Pokerface oder amüsiertem Lächeln und lancierst rationale Argumente wie Munition in den Raum beziehungsweise ins Gesicht des Diskussionspartners.

Aber ist das wirklich der Fall? Oder ist die neutrale, professionelle Rolle in der akademischen Debatte ein Privileg, welches nur bestimmten Menschen gegönnt wird? Ich würde behaupten, dass Personen, die schon seit längerer Zeit als fester Bestandteil des akademischen Establishments gelten, die Maske des Professionals quasi als Bestandteil ihrer Garderobe besitzen und jederzeit souverän aufsetzen können. Egal wie polemisch sie sich in aller Öffentlichkeit äußern, sie werden trotzdem als fachkundig und kompetent wahrgenommen.

Anders ist dies hingegen bei Personen, die zu Gruppen gehören, die in der akademischen Welt noch nicht ganz so selbstverständlich sind : Frauen, People of Colour, Personen mit Behinderung und andere marginalisierte Gruppen nehmen eher mit ‚nacktem Gesicht‘ an der Debatte teil. Mittels Selbstregulation oder sogar Selbstzensur kontrollieren sie häufig ihr Auftreten, bis ihre Mimik und Stimme der professionellen Maske ähneln, damit sie nicht der Hysterie, Aggressivität oder Überempfindlichkeit verdächtigt werden.

„Ich versuche immer sehr ruhig zu sprechen, damit ich nicht als angry black woman wahrgenommen werde“, erzählte mir eine Forscherin. Bewussten oder unbewussten Stereotypisierungen der Gruppe, zu der man gehört, muss somit vorgebeugt werden. „Ich gehe offen damit um, dass ich schwul bin“, erzählte mir ein anderer Forscher, „aber gleichzeitig benehme ich mich absolut nicht flamboyant, sondern wie jeder anderer straight white male. Ich möchte neutral rüberkommen, damit das, was ich sage, nicht gefiltert wird.“

Nausikaä El-Mecky

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JAM #26 — STREIT!

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Doch selbst diese Bemühungen, seriös und sachkundig rüberzukommen, können sich gegen einen kehren: Betont neutrales Verhalten wird bei Frauen beispielsweise bald als bitchy, eiskalt oder robotisch abgestempelt. Der Mittelweg zwischen ruhig und starr ist manchmal sehr schmal oder gar unsichtbar, genauso wie zwischen wunderbar leidenschaftlich und lächerlich kreischig.
Da die wissenschaftliche Welt immer diverser wird, stellt sich die Frage: Sollten wir dafür kämpfen, dass wirklich alle, schön verpackt im Gesamtpaket mit dem Doktortitel, die Maske des professionellen, sachlichen Debattenteilnehmers ausgehändigt bekommen?

Oder sollten wir eher zum Gegenteil streben: akzeptieren, dass wir alle, unabhängig von Alter, Geschlecht oder Hautfarbe, sowohl professionell als auch persönlich unsere Ansichten vertreten? Dass wir emotional in­volviert sind, aber unser Engagement deshalb unserem rationalen Denken nicht im Weg stehen muss? Und dass eine graue Eminenz genauso für ihr Fach brennen kann wie die junge Frau, die das nervöse Zittern nicht ganz aus ihrer Stimme kriegt ? Vielleicht ist die graue Eminenz sogar nervöser und unsicherer. Und das, so wäre mein Wunsch, würde sie überhaupt nicht weniger glaubwürdig machen.


Die Kunsthistorikerin Nausikaä El-Mecky, Mitglied der Jungen Akademie seit 2017, ist Tenure-Track-Professorin an der Universitat Pompeu Fabra in Barcelona, wo sie über Kunstzerstörung und -zensur forscht.