Ein gelungener Streit erzeugt aus einer These und einer oder mehreren Antithesen eine Synthese. Etwas verkürzt ausgedrückt schafft Wissenschaft auf diese Weise ihren Fortschritt aus Widersprüchen. Um eine Synthese und eine neue Erkenntnis zu erreichen, bedarf es oft ganz neuer Herangehens- und Denkweisen, also geistiger Diversität. Diese beginnt schon beim ersten Schritt des wissenschaftlichen Streits, indem nämlich ein Problem oder ein Widerspruch aufgedeckt wird. Wenn die immer gleichen Menschen mit den immer gleichen Denkstrukturen auf die immer gleichen Fragen starren, dann stockt der wissenschaftliche Fortschritt. Erst wenn diverse Denkmuster, Fragestellungen und Problemlösungsstrategien aufeinanderprallen, entsteht Neues, Ungeahntes, ja mitunter sogar Großartiges.

Eine sich schnell entwickelnde Wissenschaft benötigt intellektuelle Diversität, um die vielschichtigen, komplexen Probleme unserer Welt zu erfassen und Lösungen zu erarbeiten. Diese korreliert meist mit biografischer Diversität – kurz gesagt : Wer anders aufwächst, denkt oft anders, findet jedoch in unserer Gesellschaft nur selten den Weg in die Wissenschaft. Hierzu zählen Frauen, Menschen aus bildungsfernen Elternhäusern, Menschen mit Migrationshintergrund, insbesondere aus Entwicklungsländern. In der Wissenschaft sind sie daher stark unterrepräsentiert. Aktuell wird der Zugang von Frauen zur Wissenschaft thematisiert, wobei Fragen nach Fairness und gleichen Chancen im Vordergrund stehen. Dabei wird allerdings ein entscheidender Aspekt ausgeblendet : Von einem gelungenen Streit, der zu einer neuen Erkenntnis führt, profitieren alle Seiten. Gerade die intellektuelle Diversität stärkt die gesamte Wissenschaft, denn sie eröffnet zugleich allen bereits in der Wissenschaft Tätigen neue Horizonte.

Astrid Eichhorn

So richtig gelungen streiten – ein Plädoyer für die Diversität

JAM #26 — STREIT!

> Weitere Essays

Editorial
Lukas Haffert, Oliver Rymek, Erik Schilling, Ricarda Winkelmann

Effektvoll streiten
Lukas Haffert, Oliver Rymek, Erik Schilling, Ricarda Winkelmann

So richtig gelungen streiten – ein Plädoyer für die Diversität
Astrid Eichhorn

Diskutierst du noch oder kreischst du schon?
Nausikaä El-Mecky

Zuspitzen oder Untergehen: Der öffentliche Streit um den Islam
Simon Wolfgang Fuchs

Wie sich die Digitalisierung auf die Streitkultur auswirkt
Dirk Pflüger

Über das Streiten in der Rechtswissenschaft
Timo Rademacher

Vom Nutzen einer regelgeleiteten Konfrontation
Michael Saliba und Lukas Haffert

 

Doch wie erreichen wir, dass die Wissenschaft diverser wird ? Ohne Vorbilder, die zeigen, was man erreichen kann, ist ein Weg viel schwieriger zu gehen, als ein Weg, auf dem man anderen folgt.

Und dies gilt umso mehr, je häufiger einem vom Wegesrand her Zweifel, Entmutigung und sogar Gespött entgegenschallen. Dann entscheidet man sich oft von vornherein gegen einen solchen Weg. Daher braucht die Wissenschaft einen Kulturwandel in Hinblick auf mehr Diversität. Wenn anders denkende Minderheiten den Weg in die Wissenschaft suchen, sollten wir nicht nur signalisieren, dass wir sie aus Gründen der Chancengleichheit tolerieren, sondern dass wir sie gerade für eine intellektuell diverse Ideenlandschaft und für eine dynamische Streitkultur brauchen, damit wirklich alle profitieren. Der aufrichtige Ruf nach mehr Diversität in der Wissenschaft bedroht nicht die derzeitige Mehrheit, sondern verspricht vielmehr eine stärkere, dynamischere Wissenschaft für uns alle, die darüber hinaus auch mehr Spaß bereiten würde.


Die Physikerin Astrid Eichhorn, Mitglied der Jungen Akademie seit 2018, forscht als Professorin am CP3-Origins an der University of Southern Denmark in Odense und als Emmy-Noether-Nachwuchsgruppenleiterin am Institut für Theoretische Physik der Universität Heidelberg